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Full text of "Auf den Marmor-Klippen"

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AUF DEN MARMOR- KLIPPEN 



ERNST JÜNGER • AUF DEN MARMOR-KLIPPEN 



Ernst Jünger 



AUF DEN 
MARMOR 
KLIPPEN 



22. Tausend 



HANSEATISCHE VERLAGS ANSTALT 
HAMBURG 



Begonnen Ende Februar 1939 in Überlingen am Bodensee 

Beendet am 28. Juli 1939 in Kirchhorst bei Hannover 

Durchgesehen im September 1939 beim Heer 



Gedruckt in der Hanseatischen Verlags ans talt Akt.-Ges v Hamburg-Wandsbek 

Copyright 1939/1940 by Hanseatische Verlags anstalt Aktiengesellschaft, Hamburg 36 

Printed in Germany 



1. 

Ihr alle kennt die wilde Schwermut, die uns bei 
der Erinnerung an Zeiten des Glückes ergreift. 
Wie unwiderruflich sind sie doch dahin, und un- 
barmherziger sind wir von ihnen getrennt als durch 
alle Entfernungen. Auch treten im Nachglanz die 
Bilder lockender hervor; wir denken an sie wie an 
den Körper einer toten Geliebten zurück, der tief in 
der Erde ruht, und der uns nun gleich einer Wüsten- 
Spiegelung in einer höheren und geistigeren Pracht 
erschauern läßt. Und immer wieder tasten wir in 
unseren durstigen Träumen dem Vergangenen in 
jeder Einzelheit, in jeder Falte nach. Dann will es uns 
scheinen, als hätten wir das Maß des Lebens und der 
Liebe nicht bis zum Rande gefüllt gehabt, doch 
keine Reue bringt das Versäumte zurück. Oh, 
möchte dieses Gefühl uns doch für jeden Augenblick 
des Glückes eine Lehre sein! 

Und süßer noch wird die Erinnerung an unsere 
Mond- und Sonnenjahre, wenn jäher Schrecken sie 
beendete. Dann erst begreifen wir, wie sehr es schon 
ein Glücksfall für uns Menschen ist, wenn wir in un- 
seren kleinen Gemeinschaften dahinleben, unter 



friedlichem Dach, bei guten Gesprächen und mit 
liebevollem Gruß am Morgen und zur Nacht. Ach, 
stets zu spät erkennen wir, daß damit schon das 
Füllhorn reich für uns geöffnet war. 

So denke ich auch an die Zeiten, in denen wir an 
der großen Marina lebten, zurück — erst die Erinne- 
rung treibt ihren Zauber hervor. Damals freilich 
schien es mir, als ob manche Sorge, mancher Kum- 
mer uns die Tage verdunkelten, und vor allem 
waren wir vor dem Oberförster auf der Hut. Wir 
lebten daher mit einer gewissen Strenge und in 
schlichten Gewändern, obwohl kein Gelübde uns 
band. Zweimal im Jahre ließen wir indessen das 
rote Futter durchleuchten — einmal im Frühling 
und einmal im Herbst. 

Im Herbste zechten wir als Weise und taten den 
köstlichen Weinen, die an den Südhängen der gro- 
ßen Marina gedeihen, Ehre an. Wenn wir in den 
Gärten zwischen dem roten Laub und den dunklen 
Trauben die scherzenden Rufe der Winzer ver- 
nahmen, wenn in den kleinen Städten und Dörfern 
die Torkel zu knarren begannen, und der Geruch 
der frischen Trester um die Höfe seine gärenden 
Schleier zog, stiegen wir zu den Wirten, den Küfern 
und Weinbauern hinab und tranken mit ihnen aus 
dem bauchigen Krug. Auch trafen wir dort immer 
heitere Genossen an, denn das Land ist reich und 
schön, so daß unbekümmerte Muße in ihm gedeiht, 
und Witz und Laune gelten als bare Münze in ihm. 



So saßen wir Abend für Abend beim fröhlichen 
Mahl. In diesen Wochen ziehen vermummte Win- 
gerts-Wächter vom Morgengrauen bis zur Nacht mit 
Knarren und Flinten in den Gärten umher und hal- 
ten die lüsternen Vögel in Schach. Spät kehren sie 
mit Kränzen von Wachteln, von gesprenkelten Dros- 
seln und Feigenfressern zurück, und bald erscheint 
dann ihre Beute in mit Weinlaub ausgelegten 
Schüsseln auf dem Tisch. Auch aßen wir gern ge- 
röstete Kastanien und junge Nüsse zum neuen Wein, 
und vor allem die herrlichen Pilze, nach denen 
man dort mit Hunden in den Wäldern spürt — die 
weiße Trüffel, die zierliche Werpel und den roten 
Kaiserschwamm. 

Solange der Wein noch süß und honigfarben war, 
saßen wir einträchtig am Tisch, bei friedlichen Ge- 
sprächen, und oft den Arm auf die Schulter des 
Nachbarn gelegt. Sobald er jedoch zu arbeiten und 
die erdigen Teile abzustoßen begann, wachten die 
Lebensgeister mächtig auf. Es gab dann glänzende 
Zweikämpfe, bei denen die Waffe des Gelächters ent- 
schied, und bei denen sich Fechter begegneten, die 
sich durch die leichte, freie Führung des Gedankens 
auszeichneten, wie man sie nur in einem langen, 
müßigen Leben gewinnt. 

Aber höher noch als diese Stunden, die in fun- 
kelnder Laune dahineilten, schätzten wir den stillen 
Heimweg durch Gärten und Felder in der Tiefe der 
Trunkenheit, während schon der Morgentau sich 



auf die bunten Blätter schlug. Wenn wir das Hah- 
nentor der kleinen Stadt durchschritten hatten, sa- 
hen wir zu unserer Rechten den Seestrand leuchten, 
und zu unserer Linken stiegen im Mondlicht glei- 
ßend die Marmor-Klippen an. Dazwischen ein- 
gebettet streckten sich die Rebenhügel aus, in deren 
Hängen sich der Pfad verlor. 

An diese Wege knüpfen sich Erinnerungen an 
ein helles, staunendes Erwachen, das uns zugleich 
mit Scheu erfüllte und erheiterte. Es war, als 
tauchten wir aus der Lebenstiefe an ihre Ober- 
fläche auf. Gleichwie ein Pochen uns aus unserm 
Schlaf erweckt, fiel da ein Bildnis in das Dunkel un- 
seres Rausches ein — vielleicht das Bockshorn, wie es 
dort der Bauersmann an hohen Stangen in den Bo- 
den seiner Gärten stößt, vielleicht der Uhu, der mit 
gelben Augen auf dem Firste einer Scheuer saß, oder 
ein Meteor, das knisternd über das Gewölbe schoß. 
Stets aber blieben wir wie versteinert stehen, und ein 
jäher Schauer faßte uns im Blut. Dann schien es uns, 
als ob ein neuer Sinn, das Land zu schauen, uns 
verliehen sei; wir blickten wie mit Augen, denen es 
gegeben ist, das Gold und die Kristalle tief unter der 
gläsernen Erde in leuchtenden Adern zu sehn. Und 
dann geschah es, daß sie sich näherten, grau und 
schattenhaft, die uransässigen Geister des Landes, 
längst hier beheimatet, bevor die Glocken der Klo- 
sterkirche erklangen, und bevor ein Pflug die Scholle 
brach. Sie näherten sich uns zögernd, mit groben, 



hölzernen Gesichtern, deren Miene in unergründ- 
licher Übereinstimmung heiter und furchtbar war; 
und wir erblickten sie, mit zugleich erschrockenem 
und tief gerührtem Herzen. Zuweilen schien es uns, 
als ob sie sprechen wollten, doch bald entschwanden 
sie wie Rauch. 

Schweigend legten wir dann den kurzen Weg zur 
Rauten-Klause zurück. Wenn das Licht in der Bi- 
bliothek aufflammte, sahen wir uns an, und ich er- 
blickte das hohe, strahlende Leuchten in Bruder 
Othos Gesicht. In diesem Spiegel erkannte ich, daß 
die Begegnung kein Trug gewesen war. Ohne ein 
Wort zu wechseln, drückten wir uns die Hand, und 
ich stieg ins Herbarium hinauf. Auch ferner war von 
solchem nie die Rede zwischen uns. 

Oben saß ich noch lange am offenen Fenster in 
großer Heiterkeit und fühlte von Herzen, wie sich 
der Lebensstoff in goldenen Fäden von der Spindel 
wand. Dann stieg die Sonne über Alta Plana auf, 
und leuchtend erhellten sich die Lande bis an die 
Grenzen von Burgund. Die wilden Schroffen und 
Gletscher funkelten in Weiß und Rot, und zitternd 
formten sich die hohen Ufer im grünen Spiegel der 
Marina ab. 

Am spitzen Giebel begannen nun die Haus- 
Rotschwänzchen ihren Tag und fütterten die zweite 
Brut, die hungrig zirpte, als würden Messerchen ge- 
wetzt. Aus den Schilfgürteln des Sees stiegen Ketten 
von Enten auf, und in den Gärten pickten Fink und 



Stieglitz die letzten Beeren von den Reben ab. Dann 
hörte ich, wie die Tür der Bibliothek sich öffnete, 
und Bruder Otho trat in den Garten, um nach den 
Lilien zu schauen. 



2. 
Im Frühling aber zechten wir als Narren, wie es 
dortzulande üblich ist. Wir hüllten uns in bunte 
Narrenkittel, deren eingefetzter Stoff wie Vogel- 
federn leuchtete, und setzten die starren Schnabel- 
Masken auf. Dann sprangen wir im Narrenschritte 
und die Arme wie Flügel schwingend hinab ins 
Städtchen, auf dessen altem Markte der hohe Nar- 
renbaum errichtet war. Dort fand im Fackelschein 
der Masken-Aufzug statt; die Männer gingen als 
Vögel, und die Frauen waren in die Prachtgewänder 
vergangener Jahrhunderte vermummt. Sie riefen 
uns mit hoher, verstellter Spieluhr-Stimme Scherz- 
worte zu, und wir erwiderten mit schrillem Vogel- 
schrei. 

Schon lockten uns aus den Schenken und Küfer- 
Kellern die Märsche der Feder-Innungen — so 
die dünnen, stechenden Flöten der Distelfinken, die 
schwirrenden Zithern der Mauer-Käuze, die röh- 
renden Baßgeigen der Auerhähne und die quieken- 
den Handorgeln, mit denen die Wiedehopf-Zunft 
ihre schändlichen Verse instrumentiert. Bruder 
Otho und ich gesellten uns den Schwarzspechten zu, 



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bei denen man den Marsch mit Kochlöffeln auf 
hölzerne Zuber schlägt, und hielten närrischen Rat 
und Gericht. Hier galt es behutsam zu trinken, denn 
wir mußten den Wein mit Halmen durch die Nü- 
stern der Schnäbel aus dem Glase ziehen. Wenn uns 
der Kopf zu rauchen drohte, erfrischte uns ein Streif- 
zug durch die Gärten und Gräben am Ringwalle, 
auch schwärmten wir auf die Tanzböden aus, oder 
wir schlugen in der Laube eines Wirtes die Maske 
auf und speisten in Gesellschaft eines flüchtigen 
Liebchens aus Buckel-Pfannen ein Gericht von 
Schnecken auf Burgunder Art. 

Überall und bis zum Morgengrauen ertönte in 
diesen Nächten der schrille Vogelruf— in den dunk- 
len Gassen und an der großen Marina, in den Kasta- 
nien-Hainen und Weingärten, von den mit Lam- 
pionen geschmückten Gondeln auf der dunklen 
Fläche des Sees und selbst zwischen den hohen Zy- 
pressen der Friedhöfe. Und immer, wie sein Echo, 
hörte man auch den erschreckten, flüchtenden 
Schrei, der ihn erwiderte. Die Frauen dieses Landes 
sind schön und voll der spendenden Kraft, die der 
alte Pulverkopf die schenkende Tugend nennt. 

Wißt Ihr, nicht die Schmerzen dieses Lebens, doch 
sein Übermut und seine wilde Fülle bringen, wenn 
wir uns an sie erinnern, uns den Tränen nah. So liegt 
dieses Stimmen-Spiel mir tief im Ohre, und vor 
allem jener unterdrückte Schrei, mit dem Lauretta 
mir am Wall begegnete. Obwohl ein weißer, gold- 



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bordierter Reif rock ihre Glieder und die Perlmutt- 
Larve ihr Gesicht verbarg, hatte ich sie an der Art, 
in der sie schreitend ihre Hüfte bog, im Dunkel der 
Allee sogleich erkannt, und ich barg mich listig hin- 
ter einem Baum. Dann erschreckte ich sie durch das 
Spechts-Gelächter und verfolgte sie, indem ich mit 
den weiten, schwarzen Ärmeln flatterte. Oben, wo 
der Römerstein im Weinland steht, fing ich die Er- 
schöpfte ein, und zitternd preßte ich sie in den Arm, 
die feuerrote Maske über ihr Gesicht gebeugt. Als 
ich sie wie träumend und durch Zaubermacht ge- 
bannt so in meinem Griffe ruhend fühlte, faßte mich 
das Mitleid an, und lächelnd streifte ich die Vogel- 
Larve auf die Stirn empor. 

Da begann auch sie zu lächeln, und leise legte sie 
die Hand auf meinen Mund — leise, daß ich nur den 
Atem, der durch ihre Finger wehte, in der Stille 
noch vernahm. 



3. 
Sonst aber lebten wir in unserer Rauten-Klause tag- 
aus, tagein in großer Eingezogenheit. Die Klause 
stand am Rande der Marmor-Klippen, inmitten 
einer der Felsen-Inseln, wie man sie hier und dort 
das Rebenland durchbrechen sieht. Ihr Garten war 
in schmalen Bänken aus dem Gestein gespart, und 
an den Rändern seiner locker aufgeführten Mauern 
hatten sich die wilden Kräuter angesiedelt, wie sie 



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im fetten Weinbergland gedeihen. So blühte im 
frühen Jahr die blaue Perlen-Traube der Muskat- 
Hyazinthe, und im Herbst erfreute uns die Juden- 
kirsche mit ihrer gleich roten Lampionen leuchten- 
den Frucht. Zu allen Zeiten aber säumten Haus und 
Garten die silbergrünen Rauten-Büsche, denen bei 
hohem Sonnenstande wirbelnd ein krauser Duft ent- 
stieg. 

Am Mittag, wenn die große Hitze die Trauben 
kochte, war es in der Klause erquickend kühl, denn 
nicht nur waren ihre Böden nach südlicher Manier 
mit Mosaiken ausgelegt, sondern es ragten manche 
ihrer Räume auch in den Fels hinein. Doch lag ich 
um diese Zeit auch gerne auf der Terrasse aus- 
gestreckt und hörte halb im Schlaf dem gläsernen 
Gesänge der Zikaden zu. Dann fielen die Segelfalter 
in den Garten ein und flogen die Teller-Blüten der 
wilden Möhre an, und auf den Klippen sonnten die 
Perlen-Echsen sich am Stein. Und endlich, wenn der 
weiße Sand des Schlangen-Pfades in Hochglut 
flammte, schoben sich langsam die Lanzen-Ottern 
auf ihn vor, und bald war er von ihnen wie ein 
Hieroglyphen-Band bedeckt. 

Wir hegten vor diesen Tieren, die zahlreich in den 
Klüften und Schrunden der Rauten-Klause hausten, 
keine Furcht; vielmehr ergötzte uns bei Tage ihr 
Farbenglanz und nachts das feine, klingende Pfei- 
fen, mit dem sie ihre Liebes- Spiele begleiteten. Oft 
schritten wir mit leicht gerafften Kleidern über sie 



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hinweg und schoben sie, wenn wir Besuch bekamen, 
dem vor ihnen graute, mit den Füßen aus dem Weg. 
Stets aber gingen wir mit unseren Gästen auf dem 
Schlangen-Pfade Hand in Hand; und oft bemerkte 
ich dabei, daß ein Gefühl der Freiheit und der tän- 
zerischen Sicherheit, das uns auf dieser Bahn ergriff, 
sich ihnen mitzuteilen schien. 

Viel wirkte wohl zusammen, die Tiere so ver- 
traut zu machen, doch hätten wir von ihrem Trei- 
ben ohne Lampusa, unsere alte Köchin, kaum ge- 
ahnt. Lampusa stellte ihnen, solange der Sommer 
währte, Abend für Abend vor die Felsen-Küche ein 
Silber-Kesselchen voll Milch; dann lockte sie die 
Tiere mit dunklem Ruf herbei. Da sah man in den 
letzten Sonnenstrahlen überall im Garten die gol- 
dene Windung leuchten, über der schwarzen Erde 
der Lilien-Beete und den silbergrünen Rauten-Pol- 
stern, und hoch im Hasel- und Holunderstrauch. 
Dann legten die Tiere, das Zeichen des geflammten 
Feuer-Rades bildend, sich um das Kesselchen und 
nahmen die Gabe an. 

Bei dieser Spende hielt Lampusa schon früh den 
kleinen Erio auf dem Arm, der ihren Ruf mit sei- 
nem Stimmchen begleitete. Wie sehr erstaunte ich 
indessen, als ich eines Abends, kaum daß es laufen 
konnte, das Kind das Kesselchen ins Freie schleppen 
sah. Dort schlug es seinen Rand mit einem Birnholz- 
Löffel, und leuchtend glitten die roten Schlangen 
aus den Klüften der Marmor-Klippen vor. Und wie 



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im Helltraum hörte ich den kleinen Erio lachen, als 
er zwischen ihnen auf dem gestampften Lehm des 
Küchen-Vorhofs stand. Die Tiere umspielten ihn 
halb aufgerichtet und wiegten über seinem Scheitel 
in schnellem Pendelschlage die schweren Dreiecks- 
Köpfe hin und her. Ich stand auf dem Altan und 
wagte meinen Erio nicht anzurufen, wie jemand, den 
man schlafend auf steilen Firsten wandeln sieht. Doch 
da erblickte ich die Alte vor der Felsen-Küche — 
Lampusa, die mit gekreuzten Armen lächelte, und es 
erfaßte mich das herrliche Gefühl der Sicherheit in 
flammender Gefahr. 

Seit jenem Abend war es Erio, der uns so das 
Vesper-Glöcklein läutete. Wenn wir den Klang des 
Kesselchens vernahmen, legten wir die Arbeit nieder, 
um uns am Anblick seiner Spende zu erfreuen. Bru- 
der Otho eilte aus seiner Bibliothek und ich aus dem 
Herbarium auf den inneren Altan, und auch Lam- 
pusa trat vom Herd hinzu und lauschte dem Kinde 
mit stolzem, zärtlichem Gesicht. Wir pflegten uns 
dann an seinem Eifer zu ergötzen, mit dem es die 
Tiere in Ordnung hielt. Bald konnte Erio ein jedes 
bei Namen nennen und trippelte mit seinem Röck- 
chen aus blauem, goldgefaßtem Sammet in ihrem 
Kreis umher. Auch achtete er sehr darauf, daß alle 
von der Milch bekamen und schaffte für die Nach- 
züglerinnen Raum am Kesselchen. Dann pochte er 
diese oder jene der Trinkerinnen mit seinem Birn- 
holz-Löffel auf den Kopf, oder er packte sie, wenn 



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sie nicht schnell genug den Platz verließen, am 
Nacken-Ansatz und zerrte sie mit aller Kraft hinweg. 
Wie derb er sie indes auch fassen mochte, immer blie- 
ben die Tiere gegen ihn ganz sanft und zahm, selbst 
in der Häutung, wo sie sehr empfindlich sind. So lassen 
während dieser Zeit die Hirten ihr Vieh nicht bei 
den Marmor-Klippen auf die Weide gehen, denn 
ein gezielter Biß fällt selbst den stärksten Stier mit 
Blitzes Kraft. 

Vor allem liebte Erio das größte, schönste Tier, 
das Bruder Otho und ich die Greifin nannten, und 
das, wie wir aus Sagen der Wingerts-Bauern schlös- 
sen, seit alten Zeiten in den Klüften saß. Der Körper 
der Lanzen-Ottern ist metallisch rot, und häufig sind 
Schuppen von hellem Messing-Glanze in sein Muster 
eingesprengt. Bei dieser Greifin war jedoch der reine, 
makellose Goldschein ausgeprägt, der sich am Kopfe 
nach Juwelen-Art zugleich ins Grüne wandte und an 
Leuchtkraft steigerte. Auch konnte sie im Zorn den 
Hals zum Schilde dehnen, der wie ein goldener 
Spiegel im Angriff funkelte. Es schien, daß ihr die 
anderen Respekt erwiesen, denn keine rührte an das 
Kesselchen, bevor die Goldene ihren Durst gestillt. 
Dann sahen wir, wie Erio mit ihr scherzte, während 
sie, wie manchmal Katzen tun, den spitzen Kopf an 
seinem Röckchen rieb. 

Nach diesem trug Lampusa uns zur Vesper auf, 
zwei Becher des geringen Weines und zwei Scheiben 
vom dunklen, salzigen Brot. 



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4. 
Von der Terrasse schritt man durch eine Glastür 
in die Bibliothek. In schönen Morgenstunden 
stand diese Türe weit geöffnet, so daß Bruder Otho 
an seinem großen Tische wie in einem Teil des 
Gartens saß. Ich trat stets gern in dieses Zimmer 
ein, an dessen Decke grüne, laubige Schatten spiel- 
ten, und in dessen Stille das Zirpen der jungen Vögel 
und das nahe Summen der Bienen drang. 

Am Fenster trug eine Staffelei das große Zeichen- 
brett, und an den Wänden türmten sich bis zur Decke 
die Bücher-Reihen an. Die unterste von ihnen stand 
in einem hohen Fache, das für die Folianten zuge- 
schnitten war — für den großen Hortus Plantarum 
Mundi und mit der Hand illuminierte Werke, wie 
man sie nicht mehr druckt. Darüber sprangen die 
Repositorien vor, die sich durch Schübe noch ver- 
breitern ließen — mit flüchtigen Papieren und ver- 
gilbten Herbarien-Blättern überdeckt. Auch nah- 
men ihre dunklen Tafeln eine Sammlung von in 
Stein gepreßten Pflanzen auf, die wir in Kalk- und 
Kohlengruben ausgemeißelt hatten, dazwischen 
mancherlei Kristalle, wie man sie als Zierat aus- 
stellt oder auch bei sinnendem Gespräche in den 
Händen wiegt. Darüber stiegen dann die kleinen 
Bände an — ein nicht sehr ausgedehnter botanischer 
Bestand, doch lückenlos in allem, was je über die 
Lilien erschien. Auch strahlte dieser Teil der Bü- 
cherei noch in drei allgemeine Zweige aus — in 



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Werke, die sich mit der Gestalt, der Farbe und dem 
Duft beschäftigten. 

Die Bücher-Reihen setzten sich noch in der klei- 
nen Halle fort, und sie begleiteten die Treppe, die 
nach oben führte, bis an das Herbarium. Hier stan- 
den die Kirchenväter, die Denker und die klassischen 
Autoren der alten und der neuen Zeit, und vor allem 
eine Sammlung von Wörterbüchern und Enzyklo- 
pädien aller Art. Am Abend traf ich mich mit Bruder 
Otho in der kleinen Halle, wo im Kamin ein 
Feuerchen aus dürrem Rebholz flackerte. Wenn 
über Tag die Arbeit gut gediehen war, dann pflegten 
wir uns durch jene lässigere Unterhaltung zu zer- 
streuen, bei der man aufgebahnten Wegen schreitet 
und Daten und Autoritäten anerkennt. Wir scherz- 
ten mit den Quisquilien des Wissens und mit dem 
seltenen oder das Absurde streifenden Zitat. Bei 
diesen Spielen kam uns die Legion der stummen, in 
Leder oder Pergament geschnürten Sklaven gut 
zupaß. 

Meist stieg ich früh in das Herbarium hinauf und 
setzte dort bis über Mitternacht die Arbeit fort. Bei 
unserm Einzug hatten wir den Boden gut mit Holz 
verschalen lassen und lange Reihen von Schränken 
in ihm aufgestellt. In ihren Fächern häuften sich 
zu Tausenden die Bündel der Herbarien-Blätter 
auf. Sie waren nur zum kleinsten Teil von uns ge- 
sammelt und stammten meist von längst verdorrter 
Hand. Zuweilen, wenn ich eine Pflanze suchte, stieß 



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ich sogar auf von der Zeit gebräunte Bogen, deren 
verblaßte Signatur vom hohen Meister Linnaeus 
selbst geschrieben war. In diesen Nacht- und Mor- 
genstunden führte und vermehrte ich auf vielen Zet- 
teln die Register — einmal den großen Namens- 
Katalog der Sammlung und sodann die Kleine 
Flora, in der wir alle Funde im Gebiete der Marina 
sorgsam verzeichneten. Am andern Tage sah Bru- 
der Otho dann an Hand der Bücher die Zettel ein, 
und viele wurden von ihm noch bezeichnet und 
koloriert. So wuchs ein Werk heran, das uns schon 
im Entstehen viel Genuß bereitete. 

Wenn wir zufrieden sind, genügen unseren Sin- 
nen auch die kärgsten Spenden dieser Welt. Von je- 
her hatte ich das Pflanzenreich verehrt und seinen 
Wundern in vielen Wanderjahren nachgespürt. Und 
wohl war mir der Augenblick vertraut, in dem der 
Herzschlag stockt, wenn wir in der Entfaltung die 
Geheimnisse erahnen, die jedes Samenkorn in sich 
verbirgt. Dennoch war mir die Pracht des Wachs- 
tums niemals näher als auf diesem Boden, den ein 
Ruch von längst verwelktem Grün durchwitterte. 

Bevor ich mich zur Ruhe legte, schritt ich noch 
ein wenig in seinem schmalen Mittelgange auf und 
ab. Oft glaubte ich in diesen Mitternächten, die 
Pflanzen leuchtender und herrlicher als jemals sonst 
zu sehen. Auch spürte ich von fern den Duft der 
weißbesternten Dornen-Täler, den ich im Winter- 
Frühling von Arabia deserta trank, und den Va- 



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nille-Hauch, der in der schattenlosen Glut der 
Kandelaber-Wälder den Wanderer erquickt. Dann 
wieder schlugen sich wie Seiten eines alten Buches 
Erinnerungen an Stunden des wilden Überflusses auf 
— an heiße Sümpfe, in denen die Victoria regia 
blühte, und Meeres-Haine, wie man sie auf blei- 
chen Stelzen weit vor den Palmen-Küsten im Mit- 
tag schwelen sieht. Doch fehlte mir die Furcht, die 
uns ergreift, wo immer wir dem Übermaß des 
Wachstums gegenüberstehen wie einem Götter- 
bild, das tausendarmig lockt. Ich fühlte, wie mit 
unseren Studien zugleich die Kräfte wuchsen, den 
heißen Lebensmächten standzuhalten und sie zu 
bändigen, so wie man Rosse am Zügel führt. 

Oft graute schon der Morgen, ehe ich mich auf das 
schmale Feldbett streckte, das im Herbarium auf- 
geschlagen war. 



5. 
Lampusas Küche ragte in den Marmorfels hin- 
ein. Dergleichen Höhlen boten in alten Zeiten 
den Hirten Schutz und Unterkunft und wurden 
später gleich Zyklopen-Kammern in die Gehöfte ein- 
gebaut. Schon früh, wenn sie das Morgen-Süppchen 
für Erio kochte, sah man die Alte am Feuer stehen. 
Dem Herdraum schlössen sich noch tiefere Gewölbe 
an, in denen es nach Milch, nach Früchten und aus- 
getropften Weinen roch. Ich trat nur selten in diesen 



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Teil der Rauten-Klause ein, da mir Lampusas Nähe 
ein beklommenes Gefühl erweckte, das ich gern ver- 
mied. Dafür war Erio hier mit jedem Winkelchen 
vertraut. 

Auch Bruder Otho sah ich oftmals bei der Alten 
am Feuer stehen. Ihm war das Glück wohl zu ver- 
danken, das mir mit Erio, dem Kind der Liebe von 
Silvia, Lampusas Tochter, zuteil geworden war. 
Wir taten damals bei den Purpur-Reitern Dienst im 
Feldzug, der den freien Völkern von Alta Plana 
galt, und der dann scheiterte. Oft, wenn wir zu den 
Pässen ritten, sahen wir Lampusa vor ihrer Hütte 
stehen und neben ihr die schlanke Silvia im roten 
Kopftuch und im roten Rock. Bruder Otho war 
neben mir, als ich die Nelke, die Silvia aus ihrem 
Haar genommen und in den Weg geworfen hatte, 
aus dem Staube hob, und warnte mich im Weiter- 
reiten vor der alten und vor der jungen Hexe — 
spöttisch, und mit besorgtem Unterton. Doch mehr 
verdroß mich noch das Lachen, mit dem Lampusa 
mich gemustert hatte, und das ich als schamlos 
kupplerisch empfand. Und doch ging ich in ihrer 
Hütte bald ein und aus. 

Als wir nach unserem Abschied an die Marina 
wiederkehrten und in die Rauten-Klause zogen, er- 
fuhren wir von der Geburt des Kindes und auch 
davon, daß Silvia es zurückgelassen hatte und mit 
fremdem Volke davongegangen war. Die Nachricht 
kam mir ungelegen — vor allem, da sie mich am Be- 



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ginne eines Abschnitts traf, der nach den Plagen 
der Kampagne den stillen Studien vorbehalten war. 

Daher erteilte ich Bruder Otho Vollmacht, Lam- 
pusa aufzusuchen, um mit ihr zu sprechen und ihr 
zuzubilligen, was ihm angemessen schien. Wie sehr 
erstaunte ich indessen, als ich erfuhr, daß er das 
Kind und sie sogleich in unseren Haushalt aufge- 
nommen hatte; und doch erwies sich dieser Schritt 
sehr bald als für uns alle segensreich. Und wie man 
eine rechte Handlung insonderheit daran erkennt, 
daß in ihr auch das Vergangene sich rundet, so 
leuchtete auch Silvias Liebe mir in einem neuen 
Licht. Ich erkannte, daß ich sie und ihre Mutter 
mit Vorurteil betrachtet, und daß ich sie, weil ich 
sie leicht gefunden, auch allzu leicht behandelt hatte, 
wie man den Edelstein, der offen am Wege leuchtet, 
als Glas ansieht. Und doch kommt alles Köstliche 
uns nur durch Zufall zu — das Beste ist umsonst. 

Freilich bedurfte es, die Dinge so ins Lot zu brin- 
gen, der Unbefangenheit, die Bruder Otho eigen- 
tümlich war. Sein Grundsatz war es, die Menschen, 
die sich uns näherten, wie seltene Funde zu behan- 
deln, die man auf einer Wanderung entdeckt. Auch 
nannte er die Menschen gern die Optimaten, um 
anzudeuten, daß alle zum eingeborenen Adel dieser 
Welt zu zählen sind, und daß ein jeder von ihnen 
uns das Höchste spenden kann. Er erfaßte sie als 
Gefäße des Wunderbaren und erkannte ihnen als 
hohen Bildern Fürsten-Rechte zu. Und wirklich 



22- 



sah ich alle, die ihm nahe kamen, sich entfalten wie 
Pflanzen, die aus dem Winterschlaf erwachen — 
nicht daß sie besser wurden, doch sie wurden mehr 
sie selbst. 

Lampusa nahm sich gleich nach ihrem Einzug 
der Wirtschaft an. Die Arbeit ging ihr leicht von- 
statten, und auch im Garten hatte sie keine dürre 
Hand. Während Bruder Otho und ich streng nach 
der Regel pflanzten, verscharrte sie die Samen 
flüchtig und ließ das Unkraut wuchern, wie es ihm 
gefiel. Und doch zog sie mit leichter Mühe das 
Dreifache von unseren Saaten und von unserer 
Frucht. Oft sah ich, wie sie spöttisch lächelnd auf 
unseren Beeten die ovalen Täfelchen aus Porzellan 
betrachtete, auf denen Art und Gattung zu lesen 
war, von Bruder Otho in feiner Etiketten-Schrift 
gemalt. Dabei entblößte sie wie einen Hauer den 
letzten großen Schneidezahn, der ihr geblieben war. 

Obwohl ich sie nach Erios Weise Altmutter 
nannte, sprach sie zu mir fast nur von Wirtschafts- 
Dingen, und oft recht närrisch, wie Schaffnerinnen 
tun. Auch Silvias Name fiel niemals zwischen uns. 
Trotzdem sah ich es ungern, daß Lauretta am andern 
Abend nach jener Nacht am Walle mich abzuholen 
kam. Und dennoch erwies sich gerade hier die Alte 
besonders aufgeräumt und holte eilig Wein, Mor- 
sellen und süße Kuchen zum Empfang. 

An Erio empfand ich den natürlichen Genuß der 
Vaterschaft, sowie den geistigen der Adoption. Wir 



23- 



liebten seinen stillen, aufmerksamen Sinn. Wie alle 
Kinder die Geschäfte nachzuahmen pflegen, die sie 
in ihrer kleinen Welt erblicken, so wandte er sich 
früh den Pflanzen zu. Oft sahen wir ihn lange auf 
der Terrasse sitzen, um eine Lilie zu betrachten, die 
vor der Entfaltung stand, und wenn sie sich geöffnet 
hatte, eilte er in die Bibliothek, um Bruder Otho mit 
der Nachricht zu erfreuen. Desgleichen stand er in 
der Frühe gerne vor dem Marmor-Becken, in dem 
wir Wasser-Rosen aus Zipangu zogen, deren Blüten- 
hüllen der erste Sonnenstrahl mit einem zarten 
Laute sprengt. Auch im Herbarium hatte ich ein 
Stühlchen für ihn stehen — er saß dort oft und 
schaute mir bei der Arbeit zu. Wenn ich ihn still an 
meiner Seite spürte, fühlte ich mich erquickt, als 
trügen durch die tiefe, heitere Lebensflamme, die in 
dem kleinen Körper brannte, die Dinge einen neuen 
Schein. Auch war es mir, als ob die Tiere seine Nähe 
suchten — so sah ich immer, wenn ich ihn im Garten 
traf, die roten Käfer um ihn fliegen, die beim Volke 
die Frigga-Hähnchen heißen; sie liefen über seine 
Hände und umspielten ihm das Haar. Sehr seltsam 
war auch, daß die Lanzen-Ottern auf Lampusas 
Ruf das Kesselchen im glühenden Geflecht um- 
ringten, während sie bei Erio die Figur der Strahlen- 
Scheibe bildeten. Bruder Otho hatte das zuerst 
bemerkt. 

So war es denn gekommen, daß unser Leben sich 
von den Plänen, die wir gesponnen hatten, unter- 



24- 



schied. Doch merkten wir, daß dieser Unterschied 
der Arbeit günstig war. 



6. 
Wir waren mit dem Plan gekommen, uns von 
Grund auf mit den Pflanzen zu beschäftigen, 
und fingen daher mit der altbewährten Ordnung des 
Geistes durch Atmung und Ernährung an. Wie alle 
Dinge dieser Erde wollen auch die Pflanzen zu uns 
sprechen, doch bedarf es des klaren Sinnes, um ihre 
Sprache zu verstehen. Wenngleich in ihrem Kei- 
men, Blühen und Vergehen ein Trug sich birgt, dem 
kein Erschaffener entrinnt, so ist sehr wohl zu ah- 
nen, was unveränderlich im Schreine der Erschei- 
nung eingeschlossen ist. Die Kunst, sich so den Blick 
zu schärfen, nannte Bruder Otho „die Zeit absau- 
gen" — doch er meinte, daß die reine Leere diesseits 
des Todes unerreichbar sei. 

Nachdem wir eingezogen waren, bemerkten wir, 
daß unser Thema, beinahe gegen unseren Willen, 
sich erweiterte. Vielleicht war es die starke Luft der 
Rauten-Klause, die unserem Denken eine neue 
Richtung gab, gleichwie im reinen Sauerstoff die 
Flamme steiler und heller brennt. So schien es mir 
bereits nach kurzen Wochen, als ob die Gegenstände 
sich veränderten — und die Veränderung nahm ich 
zunächst als Mangel wahr, insofern als die Sprache 
mich nicht mehr befriedigte. 



25- 



Eines Morgens, als ich von der Terrasse aus auf die 
Marina blickte, erschienen ihre Wasser mir tiefer 
und leuchtender, als ob ich sie zum ersten Male mit 
ungetrübtem Sinn betrachtete. Im gleichen Augen- 
blicke fühlte ich, fast schmerzhaft, wie das Wort von 
den Erscheinungen sich löste, so wie die Sehne vom 
allzu straff gespannten Bogen springt. Ich hatte ein 
Stückchen vom Iris-Schleier dieser Welt gesehen, 
und von Stund an leistete die Zunge mir nicht mehr 
den gewohnten Dienst. 

Doch zog zugleich ein neues Wach- Sein in mich 
ein. Wie Kinder, wenn das Licht sich aus dem In- 
neren ihrer Augen nach außen wendet, mit den Hän- 
den tastend greifen, so suchte ich nach Worten und 
nach Bildern, um den neuen Glanz der Dinge zu er- 
fassen, der mich blendete. Ich hatte nie zuvor geahnt, 
daß Sprechen solche Qual bereiten kann, und 
dennoch sehnte ich mich nach dem unbefangeneren 
Leben nicht zurück. Wenn wir wähnen, daß wir 
eines Tages fliegen könnten, ist der unbeholfene 
Sprung uns teurer als die Sicherheit auf vorgebahn- 
tem Weg. So erklärt sich wohl auch ein Gefühl des 
Schwindels, das mich oft bei diesem Tun ergriff. 

Leicht kommt es, daß auf unbekannten Bahnen 
uns das Maß verlorengeht. So war es ein Glück, daß 
Bruder Otho mich begleitete, und daß er behutsam 
mit mir vorwärtsschritt. Oft, wenn ich ein Wort er- 
gründet hatte, eilte ich, die Feder in der Hand, zu 
ihm hinunter, und oft stieg er mit gleicher Botschaft 



26 



in das Herbarium herauf. Auch liebten wir, Ge- 
bilde zu erzeugen, die wir Modelle nannten — wir 
schrieben in leichten Metren drei, vier Sätze auf 
ein Zettelchen. In ihnen galt es, einen Splitter vom 
Mosaik der Welt zu fassen, so wie man Steine in Me- 
talle faßt. Auch bei den Modellen waren wir von 
den Pflanzen ausgegangen und setzten immer weiter 
daran an. Auf diese Weise beschrieben wir die Dinge 
und die Verwandlungen, vom Sandkorn bis zur 
Marmor-Klippe und von der flüchtigen Sekunde bis 
zur Jahreszeit. Am Abend steckten wir uns diese 
Zettel zu, und wenn wir sie gelesen hatten, ver- 
brannten wir sie im Kamin. 

Bald spürten wir, wie uns das Leben förderte, und 
wie uns eine neue Sicherheit ergriff. Das Wort ist König 
und Zauberer zugleich. Wir gingen vom hohen Bei- 
spiel des Linnaeus aus, der mit dem Marschallstab des 
Wortes in das Chaos der Tier- und Pflanzenwelt ge- 
treten war. Und wunderbarer als alle Reiche, die das 
Schwert erstritt, währt seine Herrschaft über Blüten- 
Wiesen und die namenlosen Legionen des Gewürms. 

So trieb auch uns die Ahnung, daß in den Ele- 
menten Ordnung waltet, an. Auch fühlt der Mensch 
den Trieb, die Schöpfung mit seinem schwachen 
Geiste nachzubilden, so wie der Vogel den Trieb zum 
Nester-Bauen hegt. Was unsere Mühen dann über- 
reich belohnte, das war die Einsicht, daß Maß und 
Regel in den Zufall und in die Wirren dieser Erde 
unvergänglich eingebettet sind. Im Steigen nähern 



27- 



wir uns dem Geheimnis, das der Staub verbirgt. So 
schwindet in den Bergen mit jedem Schritt, den wir 
gewinnen, das Zufalls-Muster des Horizontes ein, 
und wenn wir hoch genug gestiegen sind, umschließt 
uns überall, wo wir auch stehen, der reine Ring, der 
uns der Ewigkeit verlobt. 

Wohl blieb es Lehrlings-Arbeit und Buchstabie- 
ren, was wir so verrichteten. Und doch empfanden 
wir Gewinn an Heiterkeit, wie jeder, der nicht am 
Gemeinen haften bleibt. Das Land um die Marina 
verlor das Blendende, und trat doch klarer, trat more 
geometrico hervor. Die Tage flössen, wie unter hohen 
Wehren, schneller und kräftiger dahin. Zuweilen, 
wenn der Westwind wehte, spürten wir eine Ahnung 
vom Genuß der schattenlosen Fröhlichkeit. 

Vor allem aber verloren wir ein wenig von jener 
Furcht, die uns beängstigt, und wie Nebel, die aus 
den Sümpfen steigen, den Sinn verwirrt. So kam 
es denn, daß wir die Arbeit nicht im Stiche ließen, 
als der Oberförster in unserem Gebiet an Macht ge- 
wann, und als der Schrecken sich verbreitete. 



7. 
Der Oberförster war uns seit langem als Alter 
Herr der Mauretania bekannt. Wir hatten ihn 
auf den Conventen oft gesehen und manche Nacht 
mit ihm beim Spiel gesessen und gezecht. Er zählte 
zu den Gestalten, die bei den Mauretanien! zu- 



28- 



gleich als große Herren angesehen und als ein wenig 
ridikül empfunden werden — so wie man etwa einen 
alten Oberst der Landwehr-Kavallerie, der hin und 
wieder von seinen Gütern kommt, beim Regiment 
empfängt. Er prägte sich im Gedächtnis ein, schon 
weil sein grüner, mit goldenen Ilex-Blättern be- 
stickter Frack die Blicke auf ihn richtete. 

Sein Reichtum galt als ungeheuer, und auf den 
Festen, die er in seinem Stadthaus feierte, regierte 
Überfluß. Es wurde dort nach alter Sitte derb ge- 
gessen und getrunken, und die Eichenplatte des 
großen Spieltischs bog sich unter goldener Last. 
Auch waren die asiatischen Partien, die er den Adep- 
ten in seinen kleinen Villen gab, berühmt. So fand 
ich oft Gelegenheit, ihn nah zu sehen, und mich be- 
rührte ein Hauch von alter Macht, der ihn von sei- 
nen Wäldern her umwitterte. Damals empfand ich 
auch das Starre an seinem Wesen kaum als störend, 
denn alle Mauretanier nehmen im Lauf der Zeit den 
automatischen Charakter an. Vor allem in den Blik- 
ken tritt dieser Zug hervor. So lag auch in den Augen 
des Oberförsters, besonders wenn er lachte, der 
Schimmer einer fürchterlichen Jovialität. Sie waren, 
wie bei alten Trinkern, von einem roten Hauche 
überflammt, doch lag in ihnen zugleich ein Ausdruck 
von List und unerschütterlicher Kraft — ja, zu- 
weilen von Souveränität. Damals war seine Nähe 
uns angenehm — wir lebten im Übermute und an 
den Tafeln der Mächtigen der Welt. 



29 



Ich hörte später Bruder Otho über unsere Mau- 
retanier-Zeiten sagen, daß ein Irrtum erst dann zum 
Fehler würde, wenn man in ihm beharrt. Das Wort 
erschien mir um so wahrer, wenn ich an die Lage 
dachte, in der wir uns befanden, als dieser Orden uns 
an sich zog. Es gibt Epochen des Niederganges, in 
denen sich die Form verwischt, die innerst dem Le- 
ben vorgezeichnet ist. Wenn wir in sie geraten, 
taumeln wir als Wesen, die des Gleichgewichts er- 
mangeln, hin und her. Wir sinken aus dumpfen 
Freuden in den dumpfen Schmerz, auch spiegelt ein 
Bewußtsein des Verlustes, das uns stets belebt, uns 
Zukunft und Vergangenheit verlockender. So weben 
wir in abgeschiednen Zeiten oder in fernen Utopien, 
indes der Augenblick verfließt. 

Sobald wir dieses Mangels innewurden, strebten 
wir aus ihm hinaus. Wir spürten Sehnsucht nach 
Präsenz, nach Wirklichkeit und wären in das Eis, 
das Feuer und den Äther eingedrungen, um uns der 
Langeweile zu entziehen. Wie immer, wo der Zwei- 
fel sich mit Fülle paart, bekehrten wir uns zur Ge- 
walt — und ist nicht sie das ewige Pendel, das die 
Zeiger vorwärtstreibt, sei es bei Tage, sei es in der 
Nacht? Also begannen wir, von Macht und Über- 
macht zu träumen und von den Formen, die sich 
kühn geordnet im tödlichen Gefecht des Lebens 
aufeinander zubewegen, sei es zum Untergange, sei 
es zum Triumph. Und wir studierten sie mit Lust, 
wie man die Ätzungen betrachtet, die eine Säure 



30 



auf den dunklen Spiegeln geschliffener Metalle 
niederschlägt. Bei solcher Neigung war es un- 
vermeidlich, daß Mauretanier sich uns näherten. 
Wir wurden durch den Capitano, der den großen 
Aufstand in den Iberischen Provinzen erledigt hatte, 
eingeführt. 

Wer die Geschichte der geheimen Orden kennt, 
der weiß, daß sich ihr Umfang schwierig schätzen 
läßt. Desgleichen ist die Fruchtbarkeit bekannt, mit 
der sie Zweige und Kolonien bilden, so daß man, 
wenn man ihren Spuren folgt, sich bald in einem 
Labyrinth verliert. Das traf auch für die Maure- 
tanier zu. Besonders seltsam war es für den Neuling, 
wenn er in ihren Räumen Angehörige von Gruppen, 
die sich tödlich haßten, im friedlichen Gespräche sah. 
Zu den Zielen der Mauretanier zählte auch die ar- 
tistische Behandlung der Geschäfte dieser Welt. Sie 
verlangten, daß die Macht ganz ohne Leidenschaft 
und göttergleich gehandhabt würde, und entspre- 
chend sandten ihre Schulen einen Schlag von kla- 
ren, freien und stets fürchterlichen Geistern aus. 
Gleichviel, ob sie innerhalb des Aufruhrs oder an der 
Ordnung tätig waren — wo sie siegten, siegten sie 
als Mauretanier, und das stolze „Semper victrix" 
dieses Ordens galt nicht seinen Gliedern, sondern 
seinem Haupte, der Doktrin. Mitten in der Zeit und 
ihren wilden Läufen stand er unerschütterlich, und 
in seinen Residenzen und Palästen setzte man den 
Fuß auf festen Grund. 



31 



Doch es war nicht der Genuß der Ruhe, was uns 
gerne dort verweilen ließ. Wenn der Mensch den 
Halt verliert, beginnt die Furcht ihn zu regieren, 
und in ihren Wirbeln treibt er blind dahin. Bei den 
Mauretanien! aber herrschte unberührte Stille wie 
im Zentrum des Zyklons. Wenn man in den Abgrund 
stürzt, soll man die Dinge in dem letzten Grad der 
Klarheit wie durch überschärfte Gläser sehen. Die- 
sen Blick, doch ohne Furcht, gewann man in der 
Luft der Mauretania, die von Grund auf böse war. 
Gerade, wenn der Schrecken herrschte, nahm die 
Kühle der Gedanken und die geistige Entfernung zu. 
Bei den Katastrophen herrschte gute Laune, und 
man pflegte über sie zu scherzen wie die Pächter 
einer Spielbank über die Verluste ihrer Klientel. 

Damals wurde es mir deutlich, daß die Panik, 
deren Schatten immer über unseren großen Städten 
lagern, ihr Pendant im kühnen Übermut der Weni- 
gen besitzt, die gleich Adlern über dumpfem Leiden 
kreisen. Einmal, als wir mit dem Capitano tranken, 
blickte er in den betauten Kelch wie in ein Glas, 
in dem vergangene Zeiten sich erschließen, und 
meinte träumend: „Kein Glas Sekt war köstlicher als 
jenes, das man uns an die Maschinen reichte in der 
Nacht, da wir Sagunt zu Asche brannten." Und wir 
dachten: Lieber noch mit diesem stürzen, als mit jenen 
leben, die die Furcht im Staub zu kriechen zwingt. 

Doch ich schweife ab. Bei den Mauretaniern 
konnte man die Spiele lernen, die den Geist, den 



32- 



nichts mehr bindet, und der selbst des Spottes müde 
wurde, noch erfreuen. Bei ihnen schmolz die Welt 
zur Karte ein, wie man sie für Amateure sticht, 
mit Zirkelchen und blanken Instrumenten, die man 
mit Genuß berührt. Daher schien es sonderbar, daß 
man in diesem hellen, schattenlosen und abstrak- 
testen der Räume auf Figuren wie den Oberförster 
stieß. Dennoch werden immer, wenn der freie Geist 
sich Herrschafts- Sitze gründet, auch die Auto- 
chthonen sich ihm zugesellen, wie die Schlange zu 
den offenen Feuern kriecht. Sie sind die alten Kenner 
der Macht und sehen eine neue Stunde tagen, die 
Tyrannis wieder aufzurichten, die seit Anbeginn in 
ihren Herzen lebt. So entstehen in den großen Orden 
die geheimen Gänge und Gewölbe, deren Führung 
kein Historiker errät. So entstehen auch die feinsten 
Kämpfe, die im Inneren der Macht entbrennen. 
Kämpfe zwischen Bildern und Gedanken, Kämpfe 
zwischen den Idolen und dem Geist. 

In solchen Zwisten mußte mancher schon erfah- 
ren, wo die List der Erde ihren Ursprung hat. So 
war es auch mir ergangen, als ich, um nach dem 
verschollenen Fortunio zu suchen, in das Jagdgebiet 
des Oberförsters eingedrungen war. Seit jenen Ta- 
gen kannte ich die Grenzen, die dem Übermut ge- 
zogen sind, und vermied, den dunklen Saum der 
Forsten zu betreten, die der Alte seinen „Teutoburger 
Wald" zu nennen liebte, wie er überhaupt in vorge- 
spielter, schlingenreicher Biederkeit ein Meister war. 



33- 



Als ich nach Fortunio suchte, war ich in den Nord- 
rand dieser Wälder eingedrungen, während 
unsere Rauten-Klause unweit ihres Südpunkts lag, 
der das Burgundische berührt. Bei unserer Rückkehr 
fanden wir die alte Ordnung an der Marina nur 
gleich einem Schatten vor. Bis dahin hatte sie fast seit 
Carolus Zeiten unversehrt gewaltet, denn ob fremde 
Herren kamen oder gingen, immer blieb das Volk, 
das dort die Reben zieht, bei Sitte und Gesetz. Auch 
ließen Reichtum und Köstlichkeit des Bodens ein 
jedes Regiment sich bald zur Milde wenden, ob es auch 
hart begann. So wirkt die Schönheit auf die Macht. 
Der Krieg vor Alta Plana aber, den man führte, 
wie man gegen Türken kämpft, schnitt tiefer ein. 
Er heerte gleich einem Frost, der in den Bäumen das 
Kernholz sprengt, und dessen Wirkung oft erst nach 
Jahren sichtbar wird. So lief an der Marina das Le- 
ben im Kreislauf fort. Es war das alte, und war doch 
zugleich das alte nicht. Zuweilen, wenn wir auf der 
Terrasse standen und auf den Blütenkranz der Gär- 
ten blickten, verspürten wir den Hauch versteckter 
Müdigkeit und Anarchie. Und gerade dann berührte 
die Schönheit dieses Landes uns bis zum Schmerz. 
So leuchten, bevor die Sonne scheidet, die Lebens- 
farben noch gewaltig auf. 

In diesen ersten Zeiten hörten wir vom Oberför- 
ster kaum. Doch seltsam war es, wie er im gleichen 
Maße, in dem die Schwächung zunahm und die 



34- 



Wirklichkeit entschwand, sich näherte. Zunächst 
vernahm man nur Gerüchte, wie eine Seuche, die in 
fernen Häfen wütet, sich dunkel anzukünden pflegt. 
Sodann verbreiteten sich Meldungen von nahen 
Übergriffen und Gewaltsamkeiten, die von Mund zu 
Munde gingen, und endlich geschahen solche Taten 
ganz unverhüllt und offenbar. So wie im Bergland 
ein dichter Nebel die Wetter kündet, ging dem Ober- 
förster eine Wolke von Furcht voraus. Die Furcht 
verhüllte ihn, und ich bin überzeugt, daß darin seine 
Kraft weit mehr als in ihm selbst zu suchen war. Er 
konnte erst wirken, wenn die Dinge aus sich selbst 
heraus ins Wanken kamen — dann aber lagen seine 
Wälder günstig für den Zugriff auf das Land. 

Wenn man die Höhe der Marmor-Klippen er- 
stieg, war das Gebiet, darin er die Gewalt er- 
strebte, in seinem vollen Umfang einzusehen. Um 
auf die Zinne zu gelangen, pflegten wir die schmale 
Treppe zu erklimmen, die bei Lampusas Küche in 
den Fels geschlagen war. Die Stufen waren vom 
Regen ausgewaschen und führten auf eine vor- 
geschobene Platte, von der man weithin in die Runde 
sah. Hier weilten wir manche Sonnen-Stunde, wenn 
die Klippen in bunten Lichtern strahlten, denn wo 
am blendend weißen Fels die Sickerwässer nagten, 
da waren rote und falbe Fahnen in ihn eingesprengt. 
Auch fiel in mächtigen Behängen das dunkle Efeu- 
Laub von ihm herab, und in den feuchten Schrun- 
den funkelten die Silberblätter der Lunaria. 



35- 



Beim Aufstieg streifte unser Fuß die roten Brom- 
beer-Ranken und schreckte die Perlen-Echsen auf, 
die sich grünleuchtend auf die Zinnen flüchteten. 
Dort wo der fette, mit blauem Enzian gesternte 
Rasen überhing, waren von Kristallen gesäumte 
Drusen in den Fels gebettet, in deren Höhlen die 
Käuzchen träumend blinzelten. Auch nisteten die 
schnellen, rostbraunen Falken dort; wir schritten so 
nah an ihrer Brut vorbei, daß wir die Nüstern in 
ihren Schnäbeln sahen, die eine feine Haut gleich 
blauem Wachse überzog. 

Hier auf der Zinne war die Luft erquickender als 
unten im Kessel, wo die Reben im Glaste zitterten. 
Zuweilen preßte die Hitze einen Windschwall hoch, 
der in den Schrunden sich melodisch wie in Orgel- 
pfeifen fing und Spuren von Rosen, Mandeln und 
Melisse mit sich trug. Von unserem Felsensitze 
sahen wir das Dach der Rauten-Klause nun tief 
unter uns. Im Süden, jenseits der Marina, ragte 
im Schutze seiner Gletscher-Gürtel das freie Berg- 
land von Alta Plana auf. Oft waren seine Gipfel vom 
Dunst, der aus dem Wasser stieg, verhüllt, dann wie- 
der war die Luft so rein, daß wir die Zirbel-Hölzer 
unterschieden, die dort bis hoch in die Gerolle vor- 
geschoben sind. An solchen Tagen spürten wir den 
Föhn und löschten im Haus die Feuer über Nacht. 

Oft ruhte unser Blick auch auf den Inseln der 
Marina, die wir im Scherz die Hesperiden nannten, 
und an deren Ufern Zypressen dunkelten. Im streng- 



36 



sten Winter kennt man auf ihnen weder Frost noch 
Schnee; die Feigen und Orangen reifen in freier Luft, 
die Rosen tragen das ganze Jahr. Zur Zeit der Man- 
del- und der Aprikosenblüte läßt sich das Volk an 
der Marina gern hinüberrudern; sie schwimmen 
dann wie helle Blumenblätter auf der blauen Flut. 
Im Herbst dagegen schifft man sich ein, um dort 
den Peters-Fisch zu speisen, der in gewissen Voll- 
mond-Nächten aus großer Tiefe zur Oberfläche 
steigt und überreich die Netze füllt. Die Fischer 
pflegen ihm schweigend nachzustellen, denn sie mei- 
nen, daß selbst ein leises Wort ihn schreckt, und daß 
ein Fluch den Fang verdirbt. Auf diesen Fahrten 
zum Peters-Fisch ging es stets fröhlich zu; und man 
versorgte sich mit Wein und Brot, da auf den Inseln 
die Rebe nicht gedeiht. Es fehlen dort die kühlen 
Nächte im Herbst, in denen der Tau sich auf die 
Trauben schlägt, und wo ihr Feuer durch eine 
Ahnung des Unterganges an Geist gewinnt. 

An solchen Feiertagen mußte man auf die Marina 
blicken, um zu ahnen, was Leben heißt. Am frühen 
Morgen drang die Fülle der Geräusche hier her- 
auf — ganz fein und deutlich, wie man Dinge im 
umgekehrten Fernrohr sieht. Wir hörten die Glocken 
in den Städten und die Böller, die den bekränzten 
Schiffen in den Häfen Salut erwiesen, dann wieder 
die Gesänge frommer Scharen, die zu den Wunder- 
Bildern wallten, und den Ton der Flöten vor einem 
Hochzeitszug. Wir hörten das Lärmen der Dohlen 



37- 



um die Wetterfahnen, den Hahnenschrei, den 
Kuckucksruf, den Klang der Hörner, wie sie die 
Jägerburschen blasen, wenn es zur Reiher-Beize aus 
dem Burgtor geht. So wunderlich klang alles dies her- 
auf, so närrisch, als sei die Welt aus buntem Schel- 
men-Tuch gestückt — doch auch berauschend wie 
Wein am frühen Tag. 

Tief unten säumte die Marina ein Kranz von klei- 
nen Städten mit Mauern und Mauertürmen aus 
Römer-Zeiten, hoch von altersgrauen Domen und 
Merowinger-Schlössern überragt. Dazwischen lagen 
die fetten Weiler, um deren Firsten Tauben-Schwärme 
kreisten, und die von Moos begrünten Mühlen, zu 
denen man im Herbst die Esel mit den Malter- 
Säcken traben sah. Dann wieder Burgen, auf hohen 
Felsen-Spitzen eingenistet, und Klöster, um deren 
dunkle Mauer-Ringe das Licht in Karpfenteichen 
wie in Spiegeln funkelte. 

Wenn wir vom hohen Sitze auf die Stätten schau- 
ten, wie sie der Mensch zum Schutz, zur Lust, zur 
Nahrung und Verehrung sich errichtet, dann 
schmolzen die Zeiten vor unserm Auge innig inein- 
ander ein. Und wie aus offenen Schreinen traten die 
Toten unsichtbar hervor. Sie sind uns immer nah, wo 
unser Blick voll Liebe auf altbebautem Lande ruht, 
und wie in Stein und Ackerfurchen ihr Erbe lebt, 
so waltet ihr treuer Ahnen-Geist in Feld und Flur. 

In unserm Rücken, gegen Norden, grenzte die 
Campagna an; sie wurde von der Marina durch die 



38- 



Marmor-Klippen wie durch einen Wall getrennt. 
Im Frühling dehnte dieser Wiesengürtel sich als ein 
hoher Blumen-Teppich aus, in dem die Rinder- 
herden langsam weideten, wie schwimmend im 
bunten Schaum. Am Mittag ruhten sie im sumpfig 
kühlen Schatten der Erlen und der Zitter-Pappeln, 
die auf der weiten Fläche belaubte Inseln bildeten, 
aus denen oft der Qualm der Hirtenfeuer stieg. Auch 
sah man weit verstreut die großen Höfe mit Stall 
und Scheuer und den hohen Stangen der Brunnen, 
die die Tränken wässerten. 

Im Sommer war es hier sehr heiß und dunstig, und 
im Herbst, zur Zeit der Schlangen-Paarung, war 
dieser Strich wie eine Wüsten-Steppe, einsam und 
verbrannt. An seinem andern Rande ging er in ein 
Sumpfland über, in dessen Dickicht kein Zeichen der 
Besiedlung mehr zu spüren war. Nur Hütten aus 
grobem Schilf, wie sie zur Entenjagd errichtet wer- 
den, ragten hin und wieder am Ufer der dunklen 
Moorgewässer auf, und in die Erlen waren verdeckte 
Sitze wie Krähen-Nester eingebaut. Hier herrschte 
bereits der Oberförster, und bald begann der Boden 
anzusteigen, in dessen Grund der Hochwald wur- 
zelte. Von seinen Säumen sprangen noch wie lange 
Sicheln Gehölze, die man im Volk die Hörner 
nannte, in die Weidestriche vor. 

So war das Reich, das um die Marmor-Klippen 
dem Blick sich rundete. Wir sahen von ihrer Höhe 
das Leben, das auf altem Grunde wohl gezogen 



39 



und gebunden wie die Rebe sich entfaltete und 
Früchte trug. Und wir sahen auch seine Grenzen: 
die Gebirge, in denen hohe Freiheit, doch ohne 
Fülle bei Barbaren-Völkern wohnte, und gegen Mit- 
ternacht die Sümpfe und dunklen Gründe, aus denen 
blutige Tyrannis droht. 

Gar oft, wenn wir zusammen auf der Zinne stan- 
den, bedachten wir, wieviel dazu gehört, bevor das 
Korn geerntet und das Brot gebacken wird, und 
wohl auch dazu, daß der Geist in Sicherheit die 
Flügel regen kann. 



9. 
In guten Zeiten hatte man der Händel, die von 
je auf der Campagna spielten, kaum geachtet, 
und das mit Recht, da sich dergleichen an allen Or- 
ten wiederfinden, an denen Hirten und Weidesteppen 
sind. In jedem Frühjahr gab es Streitigkeiten um 
das noch ungebrannte Vieh, und dann die Kämpfe 
an den Wasserplätzen, sobald die Trockenzeit be- 
gann. Auch brachen die großen Stiere, die Ringe in 
den Nüstern trugen und den Frauen an der Marina 
bange Träume schufen, in fremde Herden ein und 
jagten sie den Marmor-Klippen zu, an deren Fuße 
man Hörner und Rippen bleichen sah. 

Vor allem aber war das Volk der Hirten wild und 
ungezähmt. Ihr Stand vererbte sich seit Anbeginn 
vom Vater auf den Sohn, und wenn sie in zerlump- 



40 



tem Kreis um ihre Feuer saßen, mit Waffen in der 
Faust, wie die Natur sie wachsen läßt, dann sah 
man wohl, wie sie sich von dem Volke unterschieden, 
das an den Hängen die Rebe baut. Sie lebten wie in 
Zeiten, die weder Haus, noch Pflug, noch Webstuhl 
kannten, und in denen das flüchtige Obdach auf- 
geschlagen wurde, wie der Zug der Herden es ge- 
bot. Dem entsprachen auch ihre Sitten und ein 
rohes Gefühl für Recht und Billigkeit, das ganz auf 
die Vergeltung zugeschnitten war. So fachte jeder 
Totschlag ein langes Rachefeuer an, und es gab 
Sippen- und Familienfehden, von deren Ursprung 
längst die Kunde erloschen war, und die doch Jahr 
für Jahr den Blutzoll forderten. Campagna-Fälle 
pflegten daher die Juristen an der Marina das grobe, 
ungereimte Zeug zu nennen, das ihnen unterlief; 
auch luden sie die Hirten nicht aufs Forum, sondern 
entsandten Kommissarien in ihr Gebiet. In anderen 
Bezirken übten die Pächter der Magnaten und Le- 
hens-Herren, die auf den großen Weidehöfen saßen, 
die Gerichtsbarkeit. Daneben gab es noch freie Hir- 
ten, die reich begütert waren, wie die Bataks und 
Belovars. 

Im Umgang mit dem rauhen Volke lernte man 
auch das Gute kennen, das ihm zu eigen war. Dazu 
gehörte vor allem die Gastfreiheit, die jeden, der 
sich an seine Feuer setzte, einbezog. So kam es, daß 
man im Kreis der Hirten auch städtische Gesichter 
sehen konnte, denn allen, die aus der Marina wei- 



41 



chen mußten, bot die Campagna eine erste Zuflucht 
dar. Hier traf man vom Arrest bedrohte Schuldner 
und Scholaren, denen bei einer Zecherei ein allzu 
guter Stoß gelungen war, in der Gesellschaft von 
entsprungenen Mönchen und fahrendem Gelichter 
an. Auch junge Leute, die nach Freiheit strebten, 
und Liebespaare, die nach Art der Schäfer leben 
wollten, suchten gerne die Campagna auf. 

So wob zu allen Zeiten ein Netz von Heimlich- 
keiten, das die Grenzen der festen Ordnung über- 
spann. Die Nähe der Campagna, in der das Recht 
geringer durchgebildet war, war manchem günstig, 
dessen Sache sich böse wendete. Die meisten kehrten 
wieder, nachdem die Zeit und gute Freunde für sie 
gewirkt, und andere verschwanden in den Wäldern 
auf Nimmer wieder sehn. Nach Alta Plana aber ge- 
wann, was sonst zum Lauf der Dinge zählte, unheil- 
vollen Sinn. So dringt in den erschöpften Körper 
das Verderben oft durch Wunden, die der Gesunde 
kaum bemerkt. 

Auch wurden die ersten Zeichen nicht erkannt. 
Als die Gerüchte von Tumulten aus der Campagna 
drangen, schien es, daß die alten Blutrache-Zwiste 
sich verschärften, doch bald erfuhr man, daß neue 
und ungewohnte Züge sie verdüsterten. So ging der 
Kern von roher Ehre, der die Gewalt gemildert 
hatte, verloren; und die reine Untat blieb bestehen. 
Auch hatte man den Eindruck, daß in die Sippen- 
bünde aus den Wäldern Späher und Agenten ein- 



42 



gedrungen waren, um sich ihrer zu fremden Dien- 
sten zu bemächtigen. Auf diese Weise verloren die 
alten Formen ihren Sinn. So etwa war seit jeher, 
wenn an einem Kreuzweg ein Leichnam mit vom 
Dolch gespaltener Zunge aufgefunden wurde, kein 
Zweifel, daß hier ein Verräter den auf seine Spur 
gesetzten Rächern erlegen war. Auch nach dem 
Kriege konnte man auf Tote stoßen, die solche Marke 
trugen, doch nunmehr wußte jeder, daß es sich um 
Opfer der reinen Meintat handelte. 

Desgleichen hatten die Bünde stets Tribut erho- 
ben, doch hatten ihn die Grundherren gern gezahlt, 
die ihn zugleich als eine Art von Prämie auf den 
guten Stand des Weideviehs betrachteten. Nun aber 
schwollen die Forderungen unerträglich an, und 
wenn der Pächter den Erpresser-Brief am Pfosten 
leuchten sah, dann hieß es zahlen oder außer Lan- 
des gehen. Zwar hatte mancher auch auf Wider- 
stand gesonnen, und in solchen Fällen war es zur 
Plünderung gekommen, die offensichtlich nach 
überlegtem Plane vor sich ging. 

Es pflegte dann Gesindel, das unter Führung von 
Leuten aus den Wäldern stand, nachts vor den Höfen 
zu erscheinen, und wenn der Einlaß ihm verweigert 
wurde, schränkte es die Schlösser mit Gewalt. Man 
nannte diese Banden auch die Feuer- Würmer, denn 
sie gingen die Tore mit Balken, auf denen kleine 
Lichter glühten, an. Von andern wurde dieser Name 
dahin ausgedeutet, daß sie nach geglücktem Sturme 



43 



den Leuten mit Feuer zuzusetzen pflegten, um zu 
erfahren, wo das Silber verborgen war. Auf alle 
Fälle hörte man von ihnen das Niederste und Un- 
terste, des Menschen fähig sind. Dazu gehörte auch, 
daß sie, um Schrecken zu erregen, die Leichen der 
Ermordeten in Kisten oder Fässer packten; und 
solche unheilvolle Sendung wurde dann mit den 
Frachten, die aus der Campagna kamen, den An- 
gehörigen ins Haus gebracht. 

Weitaus bedrohlicher erschien jedoch der Um- 
stand, daß alle diese Taten, die das Land erregten 
und nach dem Richter schrien, kaum noch Sühne 
fanden — ja, es kam so, daß man von ihnen nicht 
mehr laut zu sprechen wagte, und daß die Schwäche 
ganz offensichtlich wurde, in der das Recht sich 
gegenüber der Anarchie befand. Zwar hatte man 
gleich nach Beginn der Plünderungen die Kom- 
missarien entsandt, die von Piketts begleitet waren, 
doch hatten diese die Campagna bereits in offenem 
Aufruhr angetroffen, so daß es zur Verhandlung 
nicht gekommen war. Um nun scharf einzuschnei- 
den, mußten nach der Satzung die Stände ein- 
berufen werden, denn in Ländern, die wie die Ma- 
rina von alter Rechtsgeschichte sind, verläßt man 
ungern den richterlichen Weg. 

Bei diesem Anlaß zeigte sich, daß die von der 
Campagna auch in der Marina schon vertreten 
waren, wie denn seit jeher die zurückgekehrten 
Städter teils eine Klientel von Hirten beibehielten, 



44- 



teils auch durch Bluts- Trunk sich in die Sippen- 
bünde gliederten. Auch diese Bande folgten nun der 
Wendung zum Schlimmeren, und dort besonders, 
wo die Ordnung schon brüchig war. 

So blühten dunkle Konsulenten auf, die vor den 
Schranken das Unrecht schützten, und in den klei- 
nen Hafenschenken nisteten die Bünde sich offen 
ein. An ihren Tischen konnte man nun Bilder wie 
draußen an den Weidefeuern sehen — da hockten 
alte Hirten, die Beine mit rauhem Fell umwunden, 
neben Offizieren, die seit Alta Plana auf Halbsold 
saßen; und alles, was zu beiden Seiten der Marmor- 
Klippen an mißgelauntem oder auf Veränderung 
erpichtem Volke lebte, pflegte hier zu zechen und 
schwärmte wie in dunklen Stabs-Quartieren aus 
und ein. 

Es konnte die Verwirrung nur vermehren, daß 
auch Söhne von Notabein und junge Leute, die die 
Stunde einer neuen Freiheit gekommen glaubten, 
an diesem Treiben sich beteiligten. So gab es Lite- 
raten, die begannen, die Hirtenlieder nachzuahmen, 
wie man sie bisher nur von den Ammen, die aus der 
Campagna kamen, an den Wiegen hatte lallen hö- 
ren, und die man nun, anstatt in wollenen und lei- 
nenen Gewändern in Zotten-Fellen und mit der- 
ben Knüppeln auf dem Corso wandeln sah. 

In diesen Kreisen wurde es auch üblich, den Bau 
der Rebe und des Kornes zu verachten und den 
Hort der echten, angestammten Sitte im wilden 



45 



Hirtenland zu sehen. Indessen kennt man die leicht 
ein wenig qualmigen Ideen, die die Begeisterten ent- 
zücken, und man hätte darüber lachen können, 
wenn es nicht zum offenen Sakrileg gekommen wäre, 
das jedem, der nicht die Vernunft verloren hatte, 
ganz unverständlich war. 



10. 
In der Campagna, wo die Weidepfade die Gren- 
zen der Bezirke überschnitten, sah man häufig 
die kleinen Hirten-Götter stehen. Diese Hüter der 
Marken waren ungefüge aus Steinen oder altem 
Eichenholz geschnitzt, und man erriet sie schon von 
ferne am ranzigen Geruch, den sie verbreiteten. Die 
hergebrachte Spende nämlich bestand in heißen 
Güssen von Butter und Gekröse-Schmeer, wie ihn 
das Opfer-Messer zur Seite schiebt. Aus diesem 
Grunde sah man um die Bilder auch stets die schwar- 
zen Narben von Feuerchen im grünen Wiesengrund. 
Von ihnen hegten die Hirten nach dargebrachter 
Gabe ein verkohltes Stengelchen, mit dem sie zur 
Nacht der Sonnen-Wende den Leib von allem, was 
trächtig werden sollte von Weib und Vieh, mit 
einem Male zeichneten. 

Wenn wir den Mägden, die vom Melken kamen, 
an solchem Ort begegneten, dann zogen sie das 
Kopftuch vors Gesicht, und Bruder Otho, der 
Freund und Kenner der Garten-Götter war, ging 



46 



nie vorüber, ohne ihnen einen Scherz zu weihen. 
Auch schrieb er ihnen ein hohes Alter zu und nannte 
sie Gefährten des Jupiter aus seiner Kinderzeit. 

Dann war da noch, unweit des Filler-Hornes, ein 
Vorgehölz aus Trauer-Weiden, in dem das Bildnis 
eines Stieres mit roten Nüstern, roter Zunge und 
rotbemaltem Gliede stand. Der Ort galt als ver- 
rufen, und die Kunde grausamer Feste war mit ihm 
verknüpft. 

Wer aber hätte glauben mögen, daß man den 
Schmalz- und Buttergöttern, die den Kühen die 
Euter füllten, nun an der Marina zu huldigen be- 
gann. Und das geschah in Häusern, wo seit langem 
über Opfer und Opferdienst gespottet war. Dieselben 
Geister, die sich für stark genug erachtet hatten, die 
Bande des alten Ahnen-Glaubens zu zerschneiden, 
wurden so vom Zauber barbarischer Idole unter- 
jocht. Das Bild, das sie in ihrer Blendung boten, 
war widriger als Trunkenheit, die man am Mittag 
sieht. Indem sie zu fliegen wähnten und sich dessen 
rühmten, wühlten sie im Staub. 

Ein schlimmes Zeichen lag auch darin, daß die 
Verwirrung auf die Toten-Ehrung übergriff. Zu 
allen Zeiten war an der Marina der Stand der Dich- 
ter hoch berühmt. Sie galten dort als freie Spender, 
und die Gabe, den Vers zu bilden, wurde als die 
Quelle der Fülle angesehn. Daß die Rebe blühte 
und Früchte trug, daß Mensch und Vieh gediehen, 
die bösen Winde sich zerstreuten und heitre Ein- 



47- 



tracht in den Herzen wohnte — das alles schrieb 
man dem Wohllaut zu, wie er in Liedern und Ge- 
sängen lebt. Davon war auch der kleinste Winzer 
überzeugt, und auch nicht minder davon, daß der 
Wohllaut die Heilkraft birgt. 

So arm war keiner dort, daß nicht das Erste und 
Beste, das sein Garten an Früchten brachte, in die 
Denker-Hütten und Dichter-Klausen ging. So 
konnte jeder, der sich berufen fühlte, der Welt im 
Geist zu dienen, in Muße leben — zwar in Armut, 
doch ohne Not. In Hin und Wider jener, die den 
Acker bauten und das Wort bestellten, galt als Vor- 
bild der alte Satz: das Beste geben die Götter uns 
umsonst. 

Es ist ein Zeichen guter Zeiten, daß in ihnen die 
Geistesmacht auch sichtbar und gegenwärtig wirkt. 
So war es hier; im Wechsel der Jahreszeiten, des 
Götterdienstes und des Menschenlebens war kein 
Festtag möglich ohne das Gedicht. Vor allem aber 
stand dem Dichter bei den Totenfeiern, nachdem 
der Leichnam eingesegnet war, das Amt des Toten- 
richters zu. Ihm lag es ob, auf das entschwundene 
Leben einen göttergleichen Blick zu tun und es im 
Vers zu preisen, so wie ein Taucher aus der Muschel 
die Perle hebt. 

Seit Anbeginn gab es zwei Maße für die Toten- 
Ehrung, von denen das übliche das Elegeion war. 
Das Elegeion galt als Spende, die dem rechtlich in 
Bitterkeit und Freude zugebrachten Leben ziemte, 



48- 



wie es uns Menschen zugemessen wird. Sein Ton 
war auf die Klage abgestimmt, doch auch voll Sicher- 
heit, wie sie dem Herzen im Leiden Trost gewährt. 

Dann aber gab es das Eburnum, das im Alter- 
tume den Erlegern der Ungeheuer, die vor der Men- 
schen-Siedlung in den Sümpfen und Klüften hausten, 
vorbehalten war. Das klassische Eburnum mußte in 
höchster, erlauchter Heiterkeit gehalten sein; es 
hatte in der Admiratio zu enden, während deren 
aus zerbrochenem Käfig ein schwarzer Adler in die 
Lüfte stieg. In dem Maße, in dem die Zeiten sich 
milderten, erkannte man das Eburnum auch jenen, 
die man die Mehrer oder Optimalen nannte, zu. 
Wer nun zu diesen zählte, dessen war das Volk sich 
stets bewußt gewesen, obgleich mit der Verfeinerung 
des Lebens sich auch die Ahnenbilder wandelten. 

Nun aber erlebte man zum ersten Male, daß um 
den Spruch der Totenrichter Streit entstand. Es 
drangen nämlich mit den Bünden auch die Blut- 
rache-Fehden der Campagna in die Städte ein. Wie 
eine Seuche, die noch unberührten Boden findet, so 
schwoll auch hier der Haß gewaltig an. Nachts und 
mit niederen Waffen drang man aufeinander ein, 
und das aus keinem anderen Grunde, als weil vor 
hundert Jahren der Wenzel durch den Jegor er- 
schlagen worden war. Doch was sind Gründe, wenn 
die Verblendung uns ergreift. So ging bald keine 
Nacht vorüber, in der die Wache nicht auf den Stra- 
ßen und bei den Quartieren auf Tote stieß, und man- 



49 



chen traf man mit Wunden, die des Schwertes nicht 
würdig sind — ja selbst mit solchen, mit denen die 
blinde Wut den schon Gefallenen zerstückt. 

In diesen Kämpfen, die zu Menschenjagden, 
Hinterhalten und Mordbrand führten, verloren die 
Parteien jedes Maß. Bald hatte man den Eindruck, 
daß sie sich kaum noch als Menschen sahen, und 
ihre Sprache durchsetzte sich mit Wörtern, die sonst 
dem Ungeziefer galten, das ausgerottet, vertilgt 
und ausgeräuchert werden soll. Den Mord ver- 
mochten sie nur auf der Gegenseite zu erkennen, und 
dennoch war bei ihnen rühmlich, was dort als ver- 
ächtlich galt. Während ein jeder die anderen Toten 
kaum für würdig hielt, bei Nacht und ohne Licht 
verscharrt zu werden, sollte um die Seinen das 
Purpurtuch geschlungen werden, es sollte das Ebur- 
num klingen und der Adler steigen, der das Lebens- 
bild der Helden und Seher zu den Göttern trägt. 

Freilich fand keiner von den großen Sängern, und 
ob sie goldene Lasten boten, zu solcher Schändung 
sich bereit. Da holten jene denn die Harfenisten, die 
auf der Kirchweih zum Tanze spielen, und die blin- 
den Zither-Schläger, wie sie vor den Triklinien der 
Freudenhäuser die trunkenen Gäste durch Lieder 
von der Venus-Muschel oder vom Fresser Herkules 
erfreuen. So waren denn die Kämpen und die Bar- 
den einander wert. 

Nun weiß man aber, daß das Metron ganz un- 
bestechlich ist. An seine unsichtbaren Säulen und 



50 



Tore reichen die Feuer der Zerstörung nicht hinan. 
So waren auch jene nur betrogene Betrüger, die 
wähnten, daß Opfer-Spenden vom Range des Ebur- 
nums käuflich seien. Wir wohnten nur der ersten 
dieser Totenfeiern bei, und was wir davon erwar- 
tet hatten, sahen wir geschehen. Der Mietling, der 
den hohen, aus leichtem Feuerstoff gefügten Bogen 
des Gedichtes beschreiten sollte, begann sogleich zu 
stammeln und verwirrte sich. Dann aber wurde die 
Sprache ihm geläufig und kehrte sich zu niederen 
Haß- und Rachejamben, die im Staube züngelten. 
Bei diesem Schauspiel sahen wir die Menge in den 
roten Festgewändern, die man zum Eburnum trägt, 
und auch die Magistrate und den Klerus im Ornat. 
Sonst herrschte, wenn der Adler aufstieg, Stille, 
diesmal aber brach wilder Jubel aus. 

Bei diesen Tönen ergriff uns Trauer, und mit uns 
manchen, denn wir fühlten, daß nun aus der Marina 
der gute Ahnen-Geist gewichen war. 



11. 
So ließen sich noch viele Zeichen nennen, in denen 
der Niedergang sich äußerte. Sie glichen dem 
Ausschlag, der erscheint, verschwindet und wieder- 
kehrt. Dazwischen waren auch heitre Tage ein- 
gesprengt, in denen alles wie früher schien. 

Gerade hierin lag ein meisterhafter Zug des Ober- 
försters: er gab die Furcht in kleinen Dosen ein, die 



51 



er allmählich steigerte, und deren Ziel die Lähmung 
des Widerstandes war. Die Rolle, die er in diesen 
Wirren, die sehr fein in seinen Wäldern ausgespon- 
nen wurden, spielte, war die der Ordnungsmacht, 
denn während seine niederen Agenten, die in den 
Hirtenbünden saßen, den Stoff der Anarchie ver- 
mehrten, drangen die Eingeweihten in die Ämter 
und Magistrate, ja selbst in Klöster ein, und wurden 
dort als starke Geister, die den Pöbel zu Paaren 
treiben würden, angesehen. So glich der Oberför- 
ster einem bösen Arzte, der zunächst das Leiden för- 
dert, um sodann dem Kranken die Schnitte zuzu- 
fügen, die er im Sinne hat. 

Wohl gab es in den Magistraten Köpfe, die dieses 
Spiel durchschauten, doch fehlte ihnen, es zu hin- 
dern, die Gewalt. An der Marina hatte man seit 
jeher fremde Truppen in Sold gehalten, und solange 
die Dinge in Ordnung waren, war man gut bedient. 
Als nun die Händel bis an die Ufer drangen, suchte 
ein jeder die Söldner zu gewinnen, und Biedenhorn, 
ihr Führer, stieg über Nacht zu hoher Geltung auf. 
Es konnte ihm wenig daran gelegen sein, auf eine 
Wendung einzuwirken, die ihm so günstig war; 
vielmehr begann er, den Schwierigen zu spielen, und 
hielt die Truppen zurück wie Geld, das man auf 
Zinsen legt. Er hatte sich mit ihnen in eine alte 
Festung, den Zwinger, eingeschanzt, und lebte dort 
wie die Maus im Speck. So hatte er im Gewölbe des 
großen Turmes ein Trinkgemach errichtet, wo er 



52- 



behaglich zechend im Gemäuer saß. Im bunten 
Glase des Fensters erblickte man sein Wappen, zwei 
Hörner mit dem Spruche: 

„De Willekumm / Geiht um!" 

In dieser Klause hauste er, voll jener jovialen List 
des Nordens, die man leicht unterschätzt, und hörte 
mit gut gespieltem Kummer die Kläger an. Im 
Zechen pflegte er sich dann für Recht und Ordnung 
zu ereifern — doch sah man nie, daß er zum Schla- 
gen kam. Daneben verhandelte er nicht nur mit den 
Sippenbünden, sondern auch mit den Kapitänen 
des Oberförsters, die er auf Kosten der Marina in 
Saus und Braus bewirtete. Mit diesen Wald-Kapi- 
tänen spielte er den Gemeinden einen bösen Streich. 
Indem er sich hilfsbedürftig stellte, schob er ihnen und 
ihrem Waldgesindel die Aufsicht über die ländlichen 
Bezirke zu. Damit begann der Schrecken ganz und gar 
zu herrschen und nahm die Maske der Ordnung an. 

Die Kontingente, die den Kapitänen zur Verfü- 
gung standen, waren zunächst gering, auch wurden 
sie vereinzelt, wie Gendarmerie, ins Feld gebracht. 
Dies galt vor allem für die Jäger, die wir häufig um 
die Rauten-Klause streichen sahen, und die leider 
auch im Lampusas Küche vesperten. Das war das 
Waldgelichter, wie es im Buche steht, klein, blinzelnd 
und mit dunklen Hängebärten in den zerfressenen 
Gesichtern; ein Rotwelsch sprechend, das von allen 
Zungen das Übelste sich angeeignet hatte und wie 
aus blutigem Kot gebacken war. 



53- 



Wir fanden sie mit minderen Waffen, mit Schlin- 
gen, Garnen und gekrümmten Dolchen, die sie 
Blutzapfer nannten, ausgerüstet; auch waren sie zu- 
meist ringsum behangen mit niederem Getier. So 
stellten sie an unserer Marmorklippen-Treppe den 
großen Perlen-Echsen nach; sie fingen sie auf jene 
altbekannte Art, bei der man eine feine Schlinge 
mit Speichel netzt. Die schönen, goldgrünen und 
leuchtend weiß gesternten Tiere hatten unser Auge 
oft erfreut, besonders wenn wir sie im Brombeerlaub 
erblickten, das als ein rotes Rankenwerk die Klippen 
überspann. Die Häute waren bei den welschen Kur- 
tisanen, die der Alte auf seinen Höfen aushielt, sehr 
begehrt; auch ließen seine Muscadins und Spintrier 
sich daraus Gürtel und feine Futterale fertigen. So 
wurden diese grünen Zauberwesen unbarmherzig 
verfolgt und schlimme Grausamkeiten an ihnen aus- 
geübt. Ja, diese Schinder nahmen sich nicht einmal 
die Mühe, sie zu töten, sondern beraubten sie noch 
lebend ihrer Haut und ließen sie als weiße Schemen 
die Klippen hinunterschießen, an deren Fuß sie un- 
ter Qualen verendeten. Tief ist der Haß, der in den 
niederen Herzen dem Schönen gegenüber brennt. 

Solche Aasjäger-Stückchen gaben indessen nur 
den Vorwand her, um bei den Höfen und Häusern 
zu spionieren, ob in ihnen noch ein Rest von Freiheit 
lebendig war. Dann wiederholten sich die Banditen- 
Streiche, die man schon aus der Campagna kannte, 
und die Bewohner wurden bei Nacht und Nebel ab- 



54- 



geführt. Von dort kam keiner wieder, und was wir 
im Volk von ihrem Schicksal raunen hörten, erin- 
nerte an die Kadaver der Perlen-Echsen, die wir 
geschunden an den Klippen fanden, und füllte un- 
ser Herz mit Traurigkeit. 

Dann tauchten auch die Förster auf, die man oft 
an den Rebenhängen und auf den Hügeln bei der 
Arbeit sah. Sie schienen das Land neu zu vermessen, 
denn sie ließen Löcher in den Boden graben und 
pflanzten Stangen mit Runenzeichen und tierischen 
Symbolen auf. Die Art, in der sie sich in Feld und 
Flur bewegten, war noch bestürzender als die der 
Jäger, denn sie durchstreiften den altgepflügten 
Grund wie Heideland, indem sie weder Weg noch 
Grenze achteten. Auch zollten sie den heiligen Bil- 
dern nicht den Gruß. So sah man sie das reiche Land 
durchqueren wie unbestellte und ungeweihte Wü- 
stenei. 

Aus solchen Zeichen ließ sich erraten, was von 
dem Alten, der tief in seinen Wäldern lauerte, noch 
zu erwarten war. Ihm, der den Pflug, das Korn, die 
Rebe und die gezähmten Tiere haßte, und dem die 
lichte Siedlung und das offene Menschen-Wesen zu- 
wider waren, war es um Herrschaft über solche 
Fülle nicht zu tun. Ihm ging das Herz erst auf, wenn 
auf den Trümmern der Städte Moos und Efeu grün- 
ten, und wenn in den geborstenen Kreuzgewölben 
der Dome die Fledermaus im Mondstrahl flatterte. 
Die letzten seiner großen Bäume sollten die Wurzeln 



55- 



an den Ufern der Marina baden, und über ihren 
Kronen sollte der Silber-Reiher auf den Schwarz- 
storch treffen, der aus den Eichenschlägen zum 
Sumpfe flog. Es sollten in der dunklen Weinberg- 
Erde die Eber mit den Hauern wühlen, und auf den 
Klosterteichen sollten die Biber kreisen, wenn auf 
verborgenen Pfaden das Wild zur Dämmerung in 
starken Rudeln an die Tränke zog. Und an den 
Rändern, wo die Bäume im Sumpf nicht Wurzel 
schlugen, sollte im frühen Jahr die Schnepfe strei- 
chen und spät im Herbst die Drossel an die rote 
Beere gehen. 



12. 
Auch liebte der Oberförster weder Bauernhöfe, 
noch Dichter-Klausen, noch irgendeinen Ort, 
wo man besonnen tätig war. Das Beste, was auf sei- 
nen Territorien hauste, war noch ein Schlag von 
rüden Kerlen, deren Lebenslust im Spüren und im 
Hetzen ruhte, und die dem Alten ergeben waren 
vom Vater auf den Sohn. Dies waren die Weid- 
gerechten, während jene niederen Jäger, die wir an 
der Marina sahen, aus sonderbaren Dörfern stamm- 
ten, die der Alte im tiefen Tannicht unterhielt. 

Fortunio, der das Reich des Alten noch am besten 
kannte, hatte mir von ihnen berichtet als von Ge- 
nisten altersgrauer Hütten — die Mauern aus Lehm 
und Häcksel-Schilf errichtet, und die spitzen Giebel 



56 



mit fahlem Moos gedeckt. Dort hauste wie in Alben- 
Höhlen in Vogelfreiheit eine dunkle Brut. Wenn die- 
ses Volk auch fahrend war, so blieb in seinen Nestern 
und Spelunken doch immer ein Stamm zurück, so 
wie im Pfeffertopfe stets der letzte Grund als Würze 
zurückbehalten wird. 

In diese Waldes-Gründe hatte sich geflüchtet, 
was je in Kriegen oder Zeiten, in denen der Land- 
friede ruhte, der Vernichtung entronnen war — so 
Hunnen, Tataren, Zigeuner, Albigenser und ketze- 
rische Sekten aller Art. Zu diesen hatte sich gesellt, 
was immer den Profossen und der Henkershand 
entsprungen war, versprengte Scharen der großen 
Räuberbanden aus Polen und vom Nieder-Rhein 
und Weiber, die keine Arbeit leisten als mit der 
Hand, darauf man sitzt, und die der Büttel aus dem 
Tore fegt. 

Auch schlugen hier die Magier und die Hexen- 
meister, die dem Scheiterhaufen entronnen waren, 
ihre Zauberküchen auf; und bei den Eingeweihten, 
Venedigern und Alchimisten zählten diese unbe- 
kannten Dörfer zu den Horten der schwarzen Kunst. 
In Fortunios Händen hatte ich ein Manuskript ge- 
sehen, das von dem Rabbi Nilüfer stammte, der, 
aus Smyrna ausgetrieben, auf seinen Wanderungen 
auch in den Wäldern zu Gast gewesen war. Man 
sah aus seiner Schrift, daß sich die Weltgeschichte 
hier wie in trüben Tümpeln, an deren Ufern Ratten 
nisten, spiegelte. Auch ruhte der Schlüssel zu man- 



57- 



chem ihrer dunklen Fächer hier; so hieß es, daß 
Meister Villon nach der Vertreibung aus Perouard 
in einem dieser Tannicht-Nester Unterschlupf ge- 
funden hatte, in denen, wie der Stammsitz vieler 
dunkler Zünfte, so auch jener der Coquillards ge- 
legen war. Sie wechselten dann nach Burgund hin- 
über, doch blieb hier stets ein Zufluchtsort. 

Was immer aus der Welt in ihnen untertauchte, 
das gaben diese Wälder mit Zins und Zinseszins aus 
ihrem Schoß zurück. Aus ihnen zogen vor allem jene 
niederen Jäger, die sich erbieten, in Haus und Feld 
das Ungeziefer zu vertilgen — und wie Nilüfer 
meinte, war dies die Stätte, darinnen der Pfeifer 
von Hameln mit den Kindern verschwunden war. 
Mit diesen Scharen gingen Raub und Händel land- 
aus, landein. Doch stammten aus den Wäldern auch 
die zierlichen Betrüger, die mit Wagen und Diener- 
schaft erscheinen, und die man selbst an Fürsten- 
höfen trifft. So floß von hier ein dunkler Blutstrom 
in die Bahnen der Welt. Wo immer Meintat und 
Neidingswerk geschahen, war einer von den schlim- 
men Zünften mit dabei — und mit im Reigen, wo auf 
den Galgenhügeln der Wind die armen Schelme zum 
Tanz aufführt. 

Für alle diese war der Alte der große Boß, den sie 
am Saume des roten Jagdrocks küßten oder am 
Stiefelschaft, wenn er zu Pferde saß. Er wiederum 
verfuhr mit diesem Volke nach Belieben und ließ zu- 
weilten ein paar Dutzend wie Krammets-Vögel in 



58- 



die Bäume knüpfen, wenn es sich allzu üppig zu 
vermehren schien. Sonst mochte es in seinen Grün- 
den hausen und schmausen, wie es ihm gefiel. 

Als Schutzherr der Vaganten-Heimat war der 
Alte auch draußen in der Welt von großer, verbor- 
gener und weit verzweigter Macht. Wo immer die 
Gebäude, wie Menschen-Ordnung sie errichtet, 
brüchig wurden, schoß seine Brut wie Pilzgeflecht 
hervor. Sie wob und wirkte, wo Knechte dem an- 
gestammten Hause die Gefolgschaft weigerten, wo 
man auf Schiffen im Sturme meuterte, wo man den 
Schlachten-König im Stiche ließ. 

Allein der Oberförster war von solchen Kräften 
gut bedient. Wenn er in seinem Stadthaus die Mau- 
retanier empfing, umgab ihn eine Fülle von Diener- 
schaft — von grün livrierten Jägern, von Lakaien in 
rotem Frack und schwarzen Eskarpins, von Haus- 
beamten und Vertrauten aller Art. Man spürte bei 
solchen Festen ein wenig von der Gemütlichkeit, wie 
sie der Alte in seinen Wäldern liebte; die weite 
Halle war warm und strahlend — nicht wie vom 
Sonnenlicht, doch wie von Flammen und wie vom 
Golde, das in Höhlen glänzt. 

Wie in den Tiegeln der Alchimisten der Diamant 
aus niederer Kohlenglut erstrahlt, so wuchsen in den 
Waldgenisten zuweilen Weiber von erlesener Schön- 
heit auf. Sie waren, wie jeder in den Wäldern, dem 
Alten leibeigen, und auf seinen Reisen führte er 
stets Sänften im Gefolge mit. Wenn er in seinen 



59 



kleinen Häusern vor den Toren die jungen 
Mauretanier zu Gaste hatte und guter Laune war, 
dann kam es vor, daß er die Odalisken zur Schau 
ausstellte, wie andere seiner Kostbarkeiten auch. Er 
ließ sie in das Billardzimmer rufen, wo man nach 
schwerem Mahle beim Ingwer-Trunk versammelt 
war, und setzte ihnen dort die Bälle zur Partie. 
Dann sah man die enthüllten Körper, im roten 
Lichtschein auf das grüne Tuch gebeugt, sich lang- 
sam in den mannigfachen Posen biegen und wen- 
den, die das Spiel verlangt. Aus seinen Wäldern 
hörte man in dieser Hinsicht Dinge, die gröber 
waren, wenn er nach langer Hetze auf den Fuchs, 
den Elch, den Bären auf der mit Waffen und Ge- 
weihen geschmückten Tenne zechte und im mit 
blutbetauten Brüchen besteckten Hochsitz saß. 

Daneben dienten solche Weiber ihm als Lock- 
vögel feinster Sorte, wo immer in der Welt er in Ge- 
schäfte verwickelt war. Wer sich den trügerischen 
Blüten, die dem Sumpf entsprossen waren, nahte, 
verfiel dem Banne, der die Niederung regiert; und 
schon so manchen sahen wir in unseren Maureta- 
nier-Zeiten untergehen, dem ein großes Schicksal 
winkte — denn in solchen Ränken verfängt am 
ersten sich der hohe Sinn. 

Derart war der Bestand beschaffen, der das Gebiet 
besiedeln sollte, wenn der Alte vollends über die 
Marina Herr geworden war. So folgen Stechapfel, 
Mohn und Bilsenkraut den edlen Früchten, wenn 



60 



die Gärten vom Feind verwüstet sind. Dann würden 
statt der Spender von Wein und Brot die fremden 
Götter auf den Sockeln sich erheben — so die 
Diana, die in den Sümpfen zu wilder Fruchtbarkeit 
entartet war und dort mit traubenförmigen Behän- 
gen von goldenen Brüsten prunkte, und so die 
Schreckensbilder, die mit Klauen, Hörnern und 
Zähnen Furcht erregen und Opfer fordern, wie sie 
der Menschen nicht würdig sind. 



13. 
So standen die Dinge im siebten Jahre nach Alta 
Plana, und auf diesen Feldzug führten wir die 
Übel, die das Land verdüsterten, zurück. Zwar hat- 
ten auch wir beide daran teilgenommen, und das 
Gemetzel vor den Pässen bei den Purpur-Reitern 
mitgemacht — doch nur, um unsere Lehenspflicht 
zu leisten, und in diesem Stande lag es uns ob, zu 
schlagen, nicht aber, nachzugrübeln, wo Recht und 
Unrecht war. Doch wie man seinem Arme leichter 
als dem Herzen gebieten kann, so lebte unser Sinn 
bei jenen Völkern, die ihre angestammte Freiheit 
so wacker gegen jede Übermacht verteidigten, und 
wir erblickten in ihrem Siege mehr als Waffen- 
glück. 

Auch hatten wir auf Alta Plana Gastfreundschaft 
gewonnen, denn vor den Pässen war der junge Ans- 
gar, der Sohn des Wirtes von der Bodan-Alp in un- 



61 



sere Hand gefallen und hatte Geschenke mit uns ge- 
tauscht. Von der Terrasse sahen wir ganz in der 
Ferne die Bodan-Alp als eine blaue Matte, die tief 
im Meer der Gletscher-Zacken verborgen war, und 
der Gedanke, daß auf ihrem Talhof zu jeder Stunde 
Sitz und Stätte wie für Brüder für uns bereitet war, 
verlieh uns Sicherheit. 

Als wir in unserer Vater-Heimat hoch im Norden 
die Waffen wieder in die Rüstkammer eingeschlos- 
sen hatten, erfaßte uns der Sinn nach einem Leben, 
das von Gewalt gereinigt war, und wir gedachten 
unserer alten Studien. Wir kamen bei den Maure- 
taniern um ehrenvollen Abschied ein und wurden 
mit dem schwarz-rot-schwarzen Bande in die Feier- 
zunft versetzt. In diesem Orden hoch emporzustei- 
gen, hatte es uns wohl nicht an Mut und Urteilskraft 
gefehlt. Doch war die Gabe uns versagt geblieben, 
auf das Leiden der Schwachen und Namenlosen 
herabzusehen, wie man vom Senatoren-Sitze in die 
Arena blickt. Wie aber, wenn die Schwachen das 
Gesetz verkennen, und so in der Verblendung mit 
eigener Hand die Riegel öffnen, die zu ihrem Schütze 
geschlossen sind? So konnten wir auch die Maure- 
tanier nicht durchaus tadeln, denn tief war Recht 
und Unrecht nun vermischt; die Festen wankten, 
und die Zeit war für die Fürchterlichen reif. Die 
Menschen-Ordnung gleicht dem Kosmos darin, 
daß sie von Zeit zu Zeiten, um sich von neuem zu 
gebären, ins Feuer tauchen muß. 



62 



So taten wir wohl recht, den Händeln auszuwei- 
chen, bei denen Ruhm nicht zu gewinnen war, und 
friedlich an die Marina zurückzukehren, um an den 
leuchtenden Gestaden uns den Blumen zuzuwenden, 
in deren flüchtig bunten Zeichen das Unveränder- 
liche ruht wie in geheimer Bilderschrift, und die den 
Uhren gleichen, auf denen stets die rechte Stunde zu 
lesen ist. 

Kaum waren aber Haus und Garten gerichtet und 
die Arbeit so gediehen, daß ihre ersten Früchte 
winkten, da glomm bereits der Mordbrand-Schim- 
mer an der Campagna-Front der Marmor-Klippen 
auf. Als dann der Trubel auf die Marina übergriff, 
da waren wir gezwungen, Nachrichten einzuziehen, 
um mit der Art und Größe der Bedrohung vertraut 
zu sein. 

Auf der Campagna hatten wir den alten Belovar, 
den wir im Scherze den Arnauten nannten, und der 
häufig in Lampusas Küche zu treffen war. Er kam 
mit Kräutern und mit seltenen Wurzeln, die seine 
Frauen aus der fetten Erde der Weidegründe gruben, 
und die Lampusa für ihre Tränke und Mixturen 
trocknete. Aus diesem Grunde hatten wir uns mit 
ihm angefreundet und auf der Bank im Küchen- 
Vorhof manche Kanne Wein mit ihm geleert. Er 
war sehr zuverlässig in bezug auf alle Namen, mit 
denen das Volk die Blumen nennt, von denen es 
eine große Anzahl zu unterscheiden weiß; und wir 
horchten ihn gerne, um unsere Synonymik zu berei- 



63 



ehern, darüber aus. Auch kannte er Standorte rarer 
Arten — wie der Riemenzunge, die in den Büschen 
mit Bocksgeruch erblüht, des Ohnhorns, dessen 
Lippe in Form des Menschenleibes gebildet ist, und 
einer Ragwurz, deren Blüte dem Panther-Auge 
glich. So kam es, daß wir uns oft von ihm begleiten 
ließen, wenn wir jenseits der Marmor-Klippen sam- 
melten. Er wußte dort bis zu den Wäldern Weg und 
Steg; vor allem aber erwies sich, als die Hirten 
aufsässig wurden, sein Geleit als sicherer Schutz. 

In diesem Alten verkörperte sich das Beste, was 
die Weidegründe zu bieten hatten — freilich auf 
andre Art, als sie die Muscadins erträumten, die 
in dem Hirtenvolke den idealen Menschen entdeckt 
zu haben glaubten, den sie in rosafarbenen Gedich- 
ten feierten. Der alte Belovar war siebzigjährig, von 
hoher, hagerer Gestalt, mit weißem Barte, der zu 
dem schwarzen Haupthaar in sonderbarem Gegen- 
satze stand. An seinem Antlitz fielen vor allem die 
dunklen Augen auf, die weithin spähend mit Falken- 
schärfe den Grund beherrschten, doch die im Zorne 
nach Wolfsart leuchteten. Der Alte trug goldene 
Ringe in den Ohren, auch schmückten ihn ein rotes 
Kopftuch und ein rotes Gürtelband, das Knauf und 
Spitze eines Dolches sehen ließ. Ins Holz des Griffes 
dieser alten Waffe waren elf Kerben eingeschnitten 
und mit Färberröte nachgebeizt. 

Als wir ihn kennenlernten, hatte der Alte eben 
seine dritte Frau genommen, ein Weibchen von 



64- 



sechzehn Jahren, das er trefflich in Ordnung hielt, 
und wohl auch prügelte, wenn er betrunken war. 
Wenn er auf die Blutrache-Fehden zu sprechen kam, 
begannen seine Augen Glanz zu sprühen, und wir 
begriffen, daß das Herz des Feindes ihn anzog wie 
ein übermächtiger Magnet, solange es lebendig 
schlug; und daß der Nachglanz dieser Rachetaten 
ihn zu einem Sänger machte, wie es deren manche 
auf der Campagna gab. Wenn dort am Feuer zu 
Ehren der Hirten-Götter getrunken wurde, geschah 
es häufig, daß einer aus der Runde sich erhob und 
dann in eingegebener Rede den Totschlag rühmte, 
den er am Feind vollzog. 

Im Lauf der Zeit gewöhnten wir uns an den Alten 
und sahen ihn gerne, so wie man einen treuen Hund 
wohl leiden mag, obgleich die Wolfsnatur noch in 
ihm glüht. Wenn auch das wilde Erdfeuer in ihm 
lohte, so lebte doch nichts Schmähliches in ihm, und 
daher waren die dunklen Mächte, die aus den Wäl- 
dern in die Campagna drangen, ihm verhaßt. Auch 
merkten wir gar bald, daß dieses rohe Leben nicht 
ohne Tugend war; es brannte auch im Guten heißer, 
als man es in den Städten kennt. So war in ihm die 
Freundschaft mehr als ein Gefühl; sie flammte nicht 
minder unbedenklich und unbezähmbar als der 
Haß. Auch wir bekamen das zu spüren, als Bruder 
Otho in den ersten Jahren einen bösen Handel, in 
den die Konsulenten der Marina den Alten ver- 
wickelt hatten, vor dem Forum zum Besten wen- 



65 



dete. Da begann er, uns in sein Herz zu schließen, 
und seine Augen leuchteten, wenn er uns nur von 
ferne sah. 

Bald mußten wir uns hüten, in seiner Nähe einen 
Wunsch zu äußern, denn er wäre ins Nest des Greifen 
eingedrungen, um uns durch seine Jungen zu er- 
freuen. Wir konnten zu jeder Stunde über ihn ver- 
fügen wie über eine gute Waffe, die man in Händen 
hält; und wir erkannten in ihm die Macht, die wir 
genießen, wenn sich ein anderer völlig uns zu eigen 
gibt, und die im Laufe der Gesittung verlorengeht. 

So fühlten wir uns gegen die Gefahren, die von 
der Campagna drohten, allein durch diese Freund- 
schaft gut gedeckt. So manche Nacht, da wir im 
Bücher-Zimmer und im Herbarium still an der Ar- 
beit saßen, flammte der Mordbrand-Schimmer am 
Klippenrande auf. Oft lagen die Dinge uns so nahe, 
daß, wenn der Nordwind wehte, ihr Klang zu uns 
herüberdrang. Wir hörten dann die Rammbock- 
Stöße an das Hoftor schlagen, und das Klagen des 
Viehes, das in Flammen-Ställen stand. Auch trug 
der Wind ganz leise das Gewirr von Stimmen her- 
über und den Ton der Glocken, die in den kleinen 
Hauskapellen läuteten — und wenn dies alles jäh 
verstummte, lauschte das Ohr noch lange in die 
Nacht. 

Doch wußten wir, daß unserer Rauten-Klause 
kein Unheil drohte, solange noch der alte Hirte mit 
seiner wilden Sippe in der Steppe lag. 



66 



14. 
An der Marina-Front der Marmor-Klippen hin- 
gegen durften wir auf Beistand eines Christen- 
Mönches zählen, des Pater Lampros aus dem Kloster 
der Maria Lunaris, die man im Volk als die Fal- 
cifera verehrt. In diesen beiden Männern, dem Hir- 
ten und dem Mönche, trat die Verschiedenheit zu- 
tage, wie sie der Boden auf die Menschen nicht 
minder als auf die Pflanzen übt. Im alten Bluträcher 
lebten die Weidegründe, in die noch nie das Eisen 
einer Pflugschar eingeschnitten hatte, wie in dem 
Priester die Weinbergs-Krume, die in den vielen hun- 
dert Jahren durch die Sorge der Menschenhand so 
fein wie Sanduhr- Staub geworden war. 

Von Pater Lampros hatten wir zunächst aus Up- 
sala gehört, und zwar von Ehrhardt, der dort als 
Kustos am Herbarium wirkte und uns mit Material 
für unsere Arbeiten versah. Wir waren damals mit der 
Art beschäftigt, in der die Pflanzen den Kreis auf- 
teilen, mit der Axen-Stellung, die den organischen 
Figuren zugrunde liegt — und letzten Endes mit 
dem Kristallismus, der unveränderlich dem Wachs- 
tum Sinn erteilt, so wie dem Zeiger das Zifferblatt 
der Uhr. Nun teilte uns Ehrhardt mit, daß wir an 
der Marina ja den Autor des schönen Werkes von 
der Symmetrie der Früchte wohnen hätten — Phyllo- 
bius, unter welchem Namen der Pater Lampros sich 
verbarg. Da diese Nachricht uns begierig stimmte, 
machten wir dem Mönche, nachdem wir ihm ein 



67- 



Zettelchen geschrieben hatten, im Kloster der Fal- 
cifera Besuch. 

Das Kloster lag uns so nahe, daß man von der 
Rauten-Klause die Spitze seines Turmes sah. Die 
Klosterkirche war Wallfahrtsort, und zu ihr führte 
der Weg durch sanfte Matten, auf denen die alten 
Bäume so herrlich blühten, daß kaum ein grünes 
Blättchen im Weiß erschien. Am Morgen war in den 
Gärten, die der Seewind frischte, kein Mensch zu 
sehen; und doch war durch die Kraft, die in den 
Blüten lebte, die Luft so geistig wirkend, daß man 
durch Zaubergärten schritt. Bald sahen wir das 
Kloster vor uns liegen, das weit von einem Hügel 
schaute, mit seiner Kirche, die im heitren Stile er- 
richtet war. Von ferne hörten wir bereits die Orgel 
tönen, die den Gesang, mit dem die Pilger das Bild 
verehrten, begleitete. 

Als uns der Pförtner durch die Kirche führte, er- 
wiesen auch wir dem Wunderbilde unseren Gruß. Wir 
sahen die hohe Frau auf einem Wolken-Throne, und 
ihre Füße ruhten wie auf einem Schemel auf dem 
schmalen Monde, in dessen Sichel ein Gesicht, das 
erdwärts blickte, gebildet war. So war die Gottheit 
dargestellt als Macht, die über dem Veränderlichen 
thront, und die man so als Bringerin und Fügerin 
verehrt. 

Am Claustrum nahm uns der Circulator in Emp- 
fang, der uns zur Bibliothek geleitete, die unter 
Pater Lampros' Aufsicht stand. Hier pflegte er die 



68 



Stunden zu verbringen, die für die Arbeit vorgesehen 
waren, und hier, umringt von hohen Folianten, 
weilten wir oftmals im Gespräch mit ihm. Als wir 
zum ersten Male durch die Türe traten, sahen wir 
den Pater, der soeben aus dem Klostergarten gekom- 
men war, im stillen Räume stehen, mit einer purpur- 
roten Siegwurz-Rispe in der Hand. Er trug den 
breiten Castor-Hut noch auf dem Kopfe, und auf 
dem weißen Mantel spielte das bunte Licht, das 
durch die Kreuzgang-Fenster fiel. 

Wir fanden in Pater Lampros einen Mann, der 
etwa fünfzig Jahre zählen mochte, von mittlerer Ge- 
stalt und feinem Gliederbau. Als wir ihm näher- 
traten, faßte uns ein Bangen, denn Gesicht und 
Hände dieses Mönches kamen uns ungewöhnlich 
und befremdend vor. Es schien, wenn ich es sagen 
soll, als ob sie einem Leichnam angehörten, und es 
war schwer zu glauben, daß Blut und Leben sich 
darin befand. Sie waren wie aus zartem Wachs 
gebildet — so kam es, daß das Mienenspiel nur 
langsam an die Oberfläche drang und mehr im 
Schimmer als in den Zügen des Gesichtes lag. 
Auch wirkte es seltsam starr und zeichenhaft, wenn 
er, wie er es liebte, während des Gespräches die 
Hand erhob. Und dennoch webte in diesem Körper 
eine Art von feiner Leichtigkeit, die in ihn ein- 
gezogen war gleich einem Atem-Hauche, der ein 
Puppenbild belebt. Auch fehlte es ihm nicht an 
Heiterkeit. 



69 



Bei der Begrüßung sagte Bruder Otho, um das 
Bild zu loben, daß er in ihm den Liebreiz der For- 
tuna mit dem der Vesta in höherer Gestalt vereinigt 
finde — worauf der Mönch mit höflicher Gebärde 
das Gesicht zur Erde senkte, und es dann lächelnd 
gegen uns erhob. Es war, als nähme er das kleine 
Wort, nachdem er es besonnen hatte, als eine Opfer- 
gabe in Empfang. 

Aus diesem und vielen anderen Zügen erkannten 
wir, daß Pater Lampros die Diskussion vermied; 
auch wirkte er im Schweigen stärker als im Wort. 
So hielt er es auch in der Wissenschaft, in der er zu 
den Meistern zählte, ohne sich am Streit der Schulen 
zu beteiligen. Sein Grundsatz war, daß jede Theorie 
in der Natur-Geschichte einen Beitrag zur Genesis 
bedeute, weil der Menschengeist in jedem Alter die 
Schöpfung von neuem concipiere — und daß in 
jeder Deutung nicht mehr an Wahrheit lebe als in 
einem Blatte, das sich entfaltet und gar bald vergeht. 
Aus diesem Grunde nannte er sich auch Phyllobius, 
„der in den Blättern lebt" — in jener wunderlichen 
Mischung von Bescheidenheit und Stolz, die ihm zu 
eigen war. 

Daß Pater Lampros den Widerspruch nicht liebte, 
war auch ein Zeichen der Höflichkeit, wie sie in 
seinem Wesen zu hoher Feinheit ausgebildet war. 
Da er zugleich die Überlegenheit besaß, verfuhr er 
so, daß er das Wort des Partners entgegennahm, und 
wiedergab, indem er es in einem höheren Sinne be- 



70- 



stätigte. So hatte er Bruder Othos Gruß erwidert, 
und darin lag nicht nur Güte, wie sie der Kleriker 
im Lauf der Jahre erwirbt und steigert wie ein edler 
Wein — es lag darin auch Courtoisie, wie sie in hohen 
Häusern gezogen wird, und wie sie ihre Sprossen 
mit einer zweiten, leichteren Natur begabt. So lag 
auch Stolz darin — denn wenn man herrscht, besitzt 
man Urteil und läßt die Meinungen auf sich beruhn. 

Es hieß, daß Pater Lampros einem altburgundi- 
schen Geschlecht entstamme, doch sprach er nie- 
mals über die Vergangenheit. Aus seiner Weltzeit 
hatte er einen Siegelring zurückbehalten, in dessen 
roten Karneol ein Greifen-Flügel eingegraben war, 
darunter die Worte „meyn geduld hat ursach" als 
Wappenspruch. Auch darin verrieten sich die beiden 
Pole seines Wesens — Bescheidenheit und Stolz. 

Bald weilten wir häufig im Kloster der Falcifera, 
sei es im Blumengarten, sei es in der Bibliothek. 
Auf diese Weise gedieh uns unsere Florula weit rei- 
cher als bisher, da Pater Lampros seit vielen Jahren 
an der Marina sammelte, und wir nie von ihm gin- 
gen ohne einen Stoß Herbarien-Blätter, die er mit 
eigener Hand beschriftet hatte, und deren jedes ein 
kleines Kunstwerk war. 

Auch wirkte dieser Umgang günstig auf unsere 
Arbeit über die Axen-Stellung ein, denn es bedeutet 
viel für einen Plan, wenn man ihn hin und wieder 
mit einem guten Geist erwägen kann. In dieser Hin- 
sicht gewannen wir den Eindruck, daß der Pater 



71 



ganz unauffällig und ohne jeden Ehrgeiz auf Autor- 
schaft an unserem Werke sich beteiligte. Nicht nur 
besaß er eine große Kenntnis der Erscheinungen, 
sondern er wußte auch die Augenblicke hohen 
Ranges zu vermitteln, in denen der Sinn der eigenen 
Arbeit uns wie ein Blitz durchdringt. 

So führte er uns eines Morgens an einem Blumen- 
Hange, an dem die Kloster-Gärtner in der Frühe ge- 
jätet hatten, zu einer Stelle, über die ein rotes Tuch 
gebreitet war. Er meinte, daß er dort der Unkraut- 
Hacke ein Gewächs entzogen hätte, um unser Auge 
zu erfreuen — doch als er dann das Tuch entfernte, 
erschien nichts anderes als eine junge Staude von 
jener Wegerich-Sorte, der Linnaeus den Namen 
major gab, und wie man sie auf allen Pfaden findet, 
die je ein Menschenfuß betrat. Indessen, als wir uns 
auf sie herniederbeugten und sie aufmerksam 
musterten, erschien es uns, als ob sie ungewöhnlich 
groß und regelmäßig gewachsen sei; ihr Rund war 
als ein grüner Kreis gebildet, den die ovalen Blätter 
unterteilten und zackig ränderten, in deren Mitte 
sich leuchtend der Wachstumspunkt erhob. Die Bil- 
dung schien zugleich so frisch und zart im Fleische, 
wie unzerstörbar im Geistesglanze der Symmetrie. 
Da faßte uns ein Schauer an; wir fühlten, wie die 
Lust zu leben und die Lust zu sterben sich in uns 
einten; und als wir uns erhoben, blickten wir in Pater 
Lampros' lächelndes Gesicht. Er hatte uns ein My- 
sterium vertraut. 



72- 



Wir durften die Muße, die uns Pater Lampros 
schenkte, um so höher schätzen, als sein Name bei 
den Christen in hohem Ansehn stand, und viele, 
die Rat und Trost erhofften, sich ihm näherten. 
Doch liebten ihn auch solche, die an den Zwölf 
Göttern hingen, oder die aus dem Norden stamm- 
ten, wo man die Äsen in weiten Hallen und um- 
zäunten Hainen ehrt. Auch ihnen, wenn sie zu 
ihm kamen, spendete der Pater aus der gleichen 
Kraft, doch nicht in priesterlicher Form. Oft nannte 
Bruder Otho, der viele Tempel und Mysterien 
kannte, es an diesem Geiste das Wundersame, daß 
er so hohe Grade der Erkenntnis mit der strikten 
Regel zu vereinigen verstand. Bruder Otho meinte, 
daß wohl auch das Dogma die Grade der Ver- 
geistigung begleite — wie ein Gewand, das auf den 
frühen Stufen mit Gold und Purpurstoff durch- 
flochten ist und dann mit jedem Schritte an unsicht- 
barer Qualität gewinnt, indes das Muster sich all- 
mählich im Licht verliert. 

Bei dem Vertrauen, das alle Kräfte, die an der 
Marina wirkten, dem Pater Lampros zollten, war 
er in den Gang der Dinge vollkommen eingeweiht. 
Er übersah das Spiel, das dort getrieben wurde, wohl 
besser als jeder andere, und daher kam es uns selt- 
sam vor, daß er in seinem klösterlichen Leben sich 
nicht berühren ließ. Es schien vielmehr, daß in den 
gleichen Graden, in denen die Gefahr sich näherte, 
sein Wesen sich erheiterte und stärker leuchtete. 



73- 



Oft sprachen wir darüber, wenn wir in unserer 
Rauten-Klause am Rebholz-Feuer saßen — denn in 
bedrohten Zeiten ragen solche Geister wie Türme 
aus dem schwankenden Geschlecht. Wir fragten uns 
zuweilen, ob die Verderbnis ihm schon zu weit fort- 
geschritten scheine, um sie zu heilen; oder ob Be- 
scheidenheit und Stolz ihn hinderten, im Streite der 
Parteien aufzutreten, sei es in Worten, sei es mit der 
Tat. Doch traf wohl Bruder Otho den Zusammen- 
hang am besten, wenn er sagte, daß für Naturen wie 
die seine die Zerstörung des Schrecklichen entbehre, 
und sie geschaffen seien, in die hohen Grade des 
Feuers einzutreten wie durch Portale in das Vater- 
haus. Er, der gleich einem Träumer hinter Kloster- 
mauern lebe, sei von uns allen vielleicht allein in 
voller Wirklichkeit. 

Wie dem auch sei — wenn Pater Lampros die 
Sicherheit für sich verschmähte, so zeigte er sich 
doch getreu um uns besorgt. Oft kamen seine Zettel, 
die er als Phyllobius unterschrieb, und mahnten uns, 
hier oder dort nach einer seltenen Blume, die gerade 
blühe, auf Exkursion zu gehn. Wir ahnten dann, 
daß er uns zu bestimmter Stunde an entferntem 
Orte wissen wollte, und handelten danach. Er mochte 
diese Form wohl wählen, weil er vieles unter Siegeln, 
die unverletzlich sind, erfuhr. 

Auch fiel uns auf, daß seine Boten, wenn wir nicht 
in der Klause weilten, uns diese Briefe durch Erio, 
nicht aber durch Lampusa übermittelten. 



74- 



15. 
Als die Vernichtung stärker an die Marmor- 
Klippen brandete, lebten Erinnerungen an un- 
sere Mauretanier-Zeiten in uns auf, und wir erwogen 
den Ausweg der Gewalt. Noch hielten die Mächte 
an der Marina sich so die Waage, daß geringe 
Kräfte den Ausschlag geben konnten, denn solange 
die Sippenbünde miteinander kämpften, und Bie- 
denhorn mit seinen Söldnern sich zweifelhaft ver- 
hielt, verfügte der Oberförster über geringes Per- 
sonal. 

Wir erwogen, mit Belovar und seiner Sippe nachts 
auf die Jäger Jagd zu machen und jeden, der uns 
ins Garn geriet, zerfetzt am Kreuzweg aufzuhängen, 
um so den Gäuchen aus den Tannicht-Dörfern in 
einer Sprache zuzusprechen, wie sie ihnen allein 
verständlich war. Wenn wir solche Pläne berieten, 
ließ der Alte vor Wonne den breiten Dolch in 
seiner Scheide hüpfen wie zum Liebes-Spiele und 
drängte, daß wir die Fangeisen schärfen sollten, und 
daß die Hetzer hungerten, bis ihnen die Blutwitte- 
rung die roten Zungen zum Boden hecheln ließ. 
Dann fühlten auch wir, daß uns die Macht des 
Triebes wie ein Blitzstrahl in die Glieder fuhr. 

Wenn wir indessen im Herbarium oder in der 
Bibliothek die Lage gründlicher besprachen, ent- 
schlossen wir uns immer fester, allein durch reine 
Geistesmacht zu widerstehn. Nach Alta Plana 
glaubten wir erkannt zu haben, daß es Waffen gibt, 



75- 



die stärker sind als jene, die schneiden und durch- 
bohren, doch fielen wir zuweilen wie Kinder in jene 
frühe Welt, in welcher der Schrecken allmächtig ist, 
zurück. Wir kannten noch nicht die volle Herr- 
schaft, die dem Menschen verliehen ist. 

In dieser Hinsicht war der Umgang mit Pater 
Lampros uns von höchstem Wert. Wohl würden wir 
uns auch aus eigenem Herzen in jenem Sinne, in 
dem wir an die Marina zurückgekommen waren, 
entschieden haben; und doch wird uns vor solcher 
Wendung ein anderer zur Hilfe beigesandt. Die 
Nähe des guten Lehrers gibt uns ein, was wir im 
Grunde wollen, und sie befähigt uns, wir selbst zu 
sein. Daher lebt uns das edle Vorbild tief im Herzen, 
weil wir an ihm erahnen, weß wir fähig sind. 

So brach für uns an der Marina eine sonderbare 
Zeit heran. Indes die Untat im Lande wie ein Pilz- 
geflecht im morschen Holze wucherte, versenkten 
wir uns immer tiefer in das Mysterium der Blumen, 
und ihre Kelche schienen uns größer und leuchten- 
der als sonst. Vor allem aber setzten wir unsere Ar- 
beit an der Sprache fort, denn wir erkannten im 
Wort die Zauberklinge, vor deren Strahle die Ty- 
rannen-Macht erblaßt. Dreieinig sind das Wort, die 
Freiheit und der Geist. 

Ich darf wohl sagen, daß die Mühe uns gedieh. An 
manchem Morgen erwachten wir in großer Heiter- 
keit, und wir verspürten auf der Zunge den Wohl- 
geschmack, wie seiner der Mensch im Stande der 



76- 



höheren Gesundheit teilhaftig wird. Dann fiel es uns 
nicht schwer, die Dinge zu benennen, und wir be- 
wegten uns in der Rauten-Klause wie in einem 
Räume, der in den Kammern magnetisch aufgela- 
den war. In einem feinen Rausch und Wirbel durch- 
schritten wir die Gemächer und den Garten und 
legten zuweilen unsere Zettelchen auf den Kamin. 

An solchen Tagen suchten wir bei hohem Sonnen- 
Stande die Zinne der Marmor-Klippen auf. Wir 
schritten über die dunklen Hieroglyphen der Lanzen- 
Ottern auf dem Schlangen-Pfade und stiegen die 
Stufen der Felsentreppe an, die hell im Lichte schim- 
merten. Vom höchsten Grat der Klippen, der im Mit- 
tag blendend und fernhin leuchtete, sahen wir lange 
auf das Land, und unsere Blicke suchten sein Heil in 
jeder Falte, in jedem Raine zu erspähen. Dann fiel es 
uns wie Schuppen von den Augen, und wir begrif- 
fen es, so wie die Dinge in den Gedichten leben, im 
Glänze seiner Unzerstörbarkeit. 

Und freudig erfaßte uns das Wissen, daß die Ver- 
nichtung in den Elementen nicht Heimstatt findet, 
und daß ihr Trug sich auf der Oberfläche gleich 
Nebelbildern kräuselt, die der Sonne nicht wider- 
stehn. Und wir erahnten: wenn wir in jenen Zellen 
lebten, die unzerstörbar sind, dann würden wir aus 
jeder Phase der Vernichtung wie durch offene Tore 
aus einem Festgemach in immer strahlendere gehn. 

Oft meinte Bruder Otho, wenn wir auf der Höhe 
der Marmor-Klippen standen, daß dies der Sinn des 



77 • 



Lebens sei — die Schöpfung im Vergänglichen zu 
wiederholen, so wie das Kind im Spiel das Werk des 
Vaters wiederholt. Das sei der Sinn von Saat und 
Zeugung, von Bau und Ordnung, von Bild und Dich- 
tung, daß in ihnen das große Werk sich künde wie in 
Spiegeln aus buntem Glase, das gar bald zerbricht. 



16. 
So denken wir an unsere stolzen Tage gern zu- 
rück. Doch sollen wir auch jene nicht verschwei- 
gen, in denen das Niedere über uns Gewalt gewann. 
In unseren schwachen Stunden erscheint uns die 
Vernichtung in schrecklicher Gestalt, wie jene Bil- 
der, die man in den Tempeln der Rache-Götter 
sieht. 

So graute für uns gar mancher Morgen, an dem 
wir zagend durch die Rauten-Klause schritten, und 
freudlos sannen wir im Herbarium und in der Bi- 
bliothek. Dann pflegten wir die Läden fest zu schlie- 
ßen und lasen bei Licht vergilbte Blätter und Skrip- 
turen, die uns dereinst auf mancher Fahrt begleiteten. 
Auch sahen wir in alte Briefe und schlugen zum Tröste 
die bewährten Bücher auf, in denen Herzen uns 
Wärme spenden, die seit viel hundert Jahren ver- 
modert sind. So lebt die Glut der großen Erden- 
sommer in dunklen Kohlen- Adern nach. 

An solchen Tagen, die der Spleen regierte, schlös- 
sen wir auch die Türen, die zum Garten führten, da 



78- 



uns der frische Blumenduft zu feurig war. Am 
Abend schickten wir Erio in die Felsenküche, damit 
Lampusa ihm einen Krug von jenem Weine füllte, 
der im Kometenjahr gekeltert war. 

Wenn dann das Rebholz-Feuer im Kamine 
flammte, setzten wir nach einem Brauche, den wir 
uns in Britannien angeeignet hatten, die Duft- 
Amphoren auf. Wir pflegten dazu die Blütenblätter 
einzusammeln, wie sie die Jahreszeiten brachten, 
und preßten sie, nachdem wir sie getrocknet hatten, 
in weite, bauchige Gefäße ein. Wenn wir zur Winters- 
zeit die Deckel von den Krügen hoben, dann war der 
bunte Flor längst abgeblaßt und in den Farben ver- 
gilbter Seide und fahlen Purpurstoffs dahingewelkt. 
Doch kräuselte aus diesem Blüten-Grummet gleich 
der Erinnerung an Reseden-Beete und Rosengärten 
ein matter, wundersamer Duft empor. 

Auch brannten wir zu diesen trüben Festen schwere 
Kerzen aus Bienenwachs. Sie stammten noch aus 
der Abschieds-Gabe des Provencalen-Ritters Deo- 
dat, der längst im wilden Taurus gefallen war. Bei 
ihrem Scheine gedachten wir dieses edlen Freundes 
und der Abendstunden, die wir auf Rhodos' hohem 
Mauer-Ringe mit ihm verplaudert hatten, indes 
die Sonne am wolkenlosen Himmel der Ägäis unter- 
ging. Mit ihrem Sinken drang ein milder Lufthauch 
aus dem Galeeren-Hafen in die Stadt. Dann mischte 
sich der süße Duft der Rosen mit dem Ruch der Fei- 
genbäume, und in die Meeresbrise schmolz die 



79- 



Essenz von fernen Wald- und Kräuterhängen ein. 
Vor allem aber stieg aus den Graben-Werken, auf 
deren Grund in gelben Polstern die Kamille blühte, 
ein tiefer, köstlicher Geruch empor. 

Mit ihm erhoben sich die letzten, honigschweren 
Bienen und flogen durch die Mauerschlitze und 
Zinnen-Scharten den Körben in den kleinen Gärten 
zu. Ihr trunkenes Schwirren hatte, wenn wir auf dem 
Bollwerk der Porta d'Amboise standen, uns so oft 
ergötzt, daß Deodat beim Scheiden uns eine Last 
von ihrem Wachse mit auf den Weg gegeben hatte — 
„daß ihr die goldenen Summerinnen der Rosen- 
Insel nicht vergeßt". Und wirklich sprühte, wenn 
wir die Kerzen brannten, von ihren Dochten ein 
zartes, trockenes Arom nach Spezereien und nach 
den Blumen, die in Sarazenen-Gärten blühn. 

So leerten wir das Glas auf alte und ferne Freunde 
und auf die Länder dieser Welt. Uns alle faßt ja ein 
Bangen, wenn die Lüfte des Todes wehn. Dann 
essen und trinken wir im Sinnen, wie lange an die- 
sen Tafeln noch der Platz für uns bereitet ist. Denn 
die Erde ist schön. 

Daneben bedrückte uns ein Gedanke, der allen, 
die an Werken des Geistes schaffen, geläufig ist. 
Wir hatten so manches Jahr beim Studium der 
Pflanzen verbracht und dabei Öl und Mühe nicht 
gespart. Auch hatten wir gern das väterliche Erb- 
teil zugesetzt. Nun fielen die ersten reifen Früchte 
uns in den Schoß. Dann waren da die Briefe, die 



80 



Skripturen, Kollektaneen und Herbarien, die Tage- 
bücher aus Kriegs- und Reisejahren und insbeson- 
dere die Materialien zur Sprache, die wir aus vielen 
tausend Steinchen gesammelt hatten und deren 
Mosaik schon weit gediehen war. Aus diesen Manu- 
skripten hatten wir erst weniges ediert, denn Bruder 
Otho meinte, daß vor Tauben zu musizieren, ein 
schlechtes Handwerk sei. Wir lebten in Zeiten, in 
denen der Autor zur Einsamkeit verurteilt ist. 
Und dennoch hätten wir bei diesem Stande der 
Dinge gar manches gern gedruckt gesehen — nicht 
um des Nachruhms willen, der ja nicht minder zu 
den Formen des Wahnes als der Augenblick gehört, 
sondern weil sich im Druck das Siegel des Ab- 
geschlossenen und Unveränderlichen verbirgt, an 
dessen Anblick sich auch der Einsame ergötzt. Wir 
gehen lieber, wenn die Dinge in Ordnung sind. 

Wenn wir um unsere Blätter bangten, gedachten 
wir oft der heiteren Ruhe des Phyllobius. Wir lebten 
doch ganz anders in der Welt. Uns schien es allzu 
schwer, daß wir uns von den Werken trennen soll- 
ten, in denen wir webten und wurzelten. Doch hatten 
wir zum Trost den Spiegel Nigromontans, an dessen 
Anblick wir uns stets, wenn wir in solcher Stimmung 
waren, erheiterten. Er stammte aus dem Nachlaß 
meines alten Lehrers, und seine Eigenschaft war die, 
daß sich die Sonnenstrahlen durch ihn zu einem 
Feuer von hoher Kraft verdichteten. Die Dinge, die 
man an solcher Glut entzündete, gingen ins Unver- 



81 



gängliche auf eine Weise, von der Nigromontanus 
meinte, daß sie am besten dem reinen Destillat 
vergleichbar sei. Er hatte diese Kunst in Klöstern 
des Fernen Orients erlernt, wo man den Toten ihre 
Schätze zu ewigem Geleit verbrennt. Ganz ähnlich 
meinte er, daß alles, was man mit Hilfe dieses 
Spiegels entflammen würde, im Unsichtbaren weit 
sicherer als hinter Panzer türen aufgehoben sei. Es 
würde durch eine Flamme, die weder Rauch noch 
niedere Röte zeige, in Reiche, die jenseits der Zer- 
störung liegen, überführt. Nigromontanus nannte 
das die Sicherheit im Nichts, und wir beschlossen, 
sie zu beschwören, wenn die Stunde der Vernichtung 
gekommen war. 

Wir hielten daher den Spiegel wert wie einen 
Schlüssel, der zu hohen Kammern führt, und öff- 
neten an solchen Abenden behutsam das blaue 
Futteral, das ihn umschloß, um uns an seinem Fun- 
keln zu erfreuen. Dann glänzte im Kerzenlichte 
seine Scheibe aus hellem Bergkristall, die rundum 
von einem Ring aus Elektron umgeben war. In diese 
Fassung hatte Nigromontan in Sonnen-Runen einen 
Spruch gegraben, der seiner Kühnheit würdig war. 

„Und sollte die Erde wie ein Geschoß zer- 
springen, 
Ist unsere Wandlung Feuer und weiße Glut." 

Auf der Gegenseite waren ameisenfüßig in Pali- 
Schrift die Namen dreier Witwen von Königen ge- 



82- 



ritzt, die singend beim Totenprunke den Scheiter- 
haufen bestiegen hatten, nachdem er von Brah- 
manen-Hand mit Hilfe dieses Spiegels entzündet 
war. 

Neben dem Spiegel lag noch eine kleine Lampe, 
die auch aus Bergkristall geschnitten und mit dem 
Zeichen der Vesta versehen war. Sie war bestimmt, 
die Kraft des Feuers für Stunden der Sonnenferne zu 
bewahren oder für Augenblicke, in denen Eile ge- 
boten war. Mit dieser Lampe, und nicht mit Fackeln, 
wurde auch der Scheiterhaufen bei Olympia ent- 
zündet, als Peregrinus Proteus, der sich dann Phoe- 
nix nannte, im Angesichte einer ungeheuren Men- 
schenmenge ins offene Feuer sprang, um sich dem 
Äther zu vereinigen. Die Welt kennt diesen Mann 
und seine hohe Tat nur durch das lügenhafte Zerr- 
bild Lukians. 

In jeder guten Waffe liegt Zauberkraft; wir fühlen 
uns schon im Anblick wunderbar gestärkt. So ging es 
uns auch mit dem Spiegel Nigromontans; sein Blitzen 
weissagte uns, daß wir nicht gänzlich untergehen 
würden, ja, daß das Beste in uns den niederen Ge- 
walten unzugänglich war. So ruhen unsere hohen 
Kräfte unverletzlich wie in den Adler-Schlössern aus 
Kristall. 

Der Pater Lampros freilich lächelte und meinte, 
es gäbe Sarkophage auch für den Geist. Die Stunde 
der Vernichtung aber müsse die Stunde des Lebens 
sein. So konnte ein Priester sprechen, der sich vom 



83- 



Tode angezogen fühlte wie von fernen Katarak- 
ten, in deren Wirbelfannen die Sonnenbogen stehen. 
Wir aber waren in der Lebensfülle und fühlten uns 
der Zeichen sehr bedürftig, die auch das körperliche 
Auge erkennen kann. So glänzt uns Sterblichen erst 
in der Mannigfaltigkeit der Farben das eine und un- 
sichtbare Licht. 



17. 
Es fiel uns auf, daß jene Tage, an denen uns der 
Spleen erfaßte, auch Nebeltage waren, an denen 
das Land sein heiteres Gesicht verlor. Die Schwaden 
brauten dann aus den Wäldern wie aus üblen Kü- 
chen und wallten in breiten Bänken auf die Cam- 
pagna vor. Sie stauten sich an den Marmor-Klippen 
und schoben bei Sonnenaufgang träge Ströme ins 
Tal hinab, das bald bis an die Spitzen der Dome im 
weißen Dunst verschwunden war. 

Bei solchem Wetter fühlten wir uns der Augenkraft 
beraubt und spürten, daß sich das Unheil wie unter 
einem dichten Mantel ins Land einschlich. Wir ta- 
ten daher gut, wenn wir den Tag bei Licht und 
Wein im Haus verbrachten; und dennoch trieb es 
uns oft, hinauszugehn. Es schien uns nämlich nicht 
allein, daß draußen die Feuerwürmer ihr Wesen 
trieben, sondern als ob zugleich das Land sich in der 
Form verändere — als ob sich seine Wirklichkeit ver- 
mindere. Daher beschlossen wir oft auch an Nebel- 



84- 



tagen, auf Exkursion zu gehen, und suchten dann 
vor allem die Weidegründe auf. Auch war es stets 
ein ganz bestimmtes Kraut, das zu erbeuten wir 
uns zum Ziele setzten; wir suchten, wenn ich so 
sagen darf, im Chaos uns an Linnaeus' Wunder- 
werk zu halten, das einen der Säulen-Türme stellt, 
von denen der Geist die Zonen des wilden Wachs- 
tums überblickt. In diesem Sinne spendete ein 
kleines Pflänzlein, das wir brachen, uns oft großen 
Schein. 

Auch kam noch etwas anderes hinzu, das ich als 
eine Art von Scham bezeichnen möchte — wir sahen 
nämlich das Waldgelichter nicht als Gegner an. 
In diesem Sinne hielten wir stets darauf, daß wir 
auf Pflanzenjagd und nicht im Kampfe waren, und 
so die niedere Bosheit zu vermeiden hatten, wie 
man den Sümpfen und wilden Tieren aus dem Wege 
geht. So billigten wir dem Lemuren-Volke nicht 
Willensfreiheit zu. Nie dürfen solche Mächte uns in 
einem Maße das Gesetz vorschreiben, daß uns die 
Wahrheit aus den Augen kommt. 

An solchen Tagen waren die Treppenstufen, die 
auf die Marmor-Klippen führten, vom Nebel feucht, 
und kühle Winde sprühten die Schwaden über sie 
hinab. Obwohl sich auf den Weidegründen viel ver- 
ändert hatte, waren uns doch die alten Pfade noch 
vertraut. Sie führten durch die Ruinen reicher Höfe, 
die nun ein kalter Brandgeruch durchwob. Wir sa- 
hen in den eingestürzten Ställen die Knochen des 



85- 



Viehes bleichen, mit Huf und Hörn und mit der 
Kette noch um den Hals. Im Innenhofe türmte sich 
der Hausrat, wie er von den Feuer-Würmern aus den 
Fenstern geworfen und dann geplündert worden war. 
Da lag die Wiege zerbrochen zwischen Stuhl und 
Tisch, und Nesseln grünten um sie empor. Nur sel- 
ten stießen wir auf versprengte Trupps von Hirten; 
sie führten wenig und kümmerliches Vieh. Von den 
Kadavern, die auf den Weiden faulten, waren Seu- 
chen aufgestiegen und hatten das große Sterben in 
die Herden eingeführt. So bringt der Untergang der 
Ordnung niemandem Heil. 

Nach einer Stunde stießen wir auf den Hof des 
alten Belovar, der fast allein an alte Zeiten erinnerte, 
denn er lag reich an Vieh und unversehrt im Kranze 
der grünen Weiden da. Der Grund lag darin, daß 
Belovar zugleich ein freier Hirte und Sippenführer 
war, und daß er seit Beginn der Wirren sein Gut von 
allem streifenden Gesindel sauber gehalten hatte, so 
daß seit langem kein Jäger und kein Feuer-Wurm 
sich traute, auch nur von ferne an ihm vorbeizugehn. 
Was er von diesen in Feld und Busch erschlug, das 
zählte er seinen guten Werken zu und schnitt aus 
solchem Grunde nicht einmal eine neue Kerbe in 
seinen Dolch. Auch hielt er streng darauf, daß alles 
Vieh, das ihm in seinen Marken zugrunde ging, tief 
eingegraben und mit Kalk beschüttet wurde, damit 
die böse Luft sich nicht verbreitete. So kam es, daß 
man zu ihm durch große Herden von roten und bunt 



86 



gescheckten Rindern ging, und daß sein Haus und 
seine Scheuern noch weithin leuchteten. Auch lach- 
ten die kleinen Götter, die seine Grenzen schützten, 
uns stets im Glänze frischer Spenden an. 

So liegt zuweilen im Kriege ein Außenfort noch 
unversehrt, wenn längst die Festung gefallen ist. 
In dieser Weise bot uns der Hof des Alten einen 
Stützpunkt dar. Wir konnten hier sicher rasten und 
mit ihm plaudern, indes Milina, sein junges Weib- 
chen, uns in der Küche Wein mit Safran kochte und 
Kuchen im Butterkessel sott. Auch hatte der Alte noch 
eine Mutter, die fast an hundert Jahr alt war und 
dennoch aufrecht wie ein Licht durch Haus und Höfe 
schritt. Wir sprachen mit der Bestemutter gern, denn 
sie war kräuterkundig und kannte Sprüche, deren 
Kraft das Blut gerinnen macht. Auch ließen wir uns 
von ihrer Hand betasten, wenn wir Abschied nah- 
men, um weiter vorzugehn. 

Meist wollte der Alte uns begleiten, doch nahmen 
wir ihn nur ungern mit. Es schien, als zöge seine 
Nähe uns das Gelichter aus den Tannicht-Dörfern 
auf den Hals, so wie die Hunde sich rühren, wenn 
der Wolf um die Gemarkung streift. Das war wohl 
nach des Alten Herzen; wir aber hatten dort an- 
deres im Sinn. Wir gingen ohne Waffen, ohne Knechte 
und zogen leichte, silbergraue Mäntel über, um 
im Nebel verborgener zu sein. So tasteten wir uns 
durch Moor- und Schilfgelände behutsam auf die 
Hörner und auf den Waldrand vor. 



87- 



Sehr bald, wenn wir den Weidegrund verließen, 
bemerkten wir, daß die Gewalt nun näher und stär- 
ker war. Die Nebel wallten in den Büschen, und das 
Röhricht zischelte im Wind. Ja, selbst der Boden, 
auf dem wir schritten, kam uns fremder und unbe- 
kannter vor. Vor allem aber war es bedenklich, daß 
sich die Erinnerung verlor. Dann wurde das Land 
ganz trügerisch und schwankend und den Gefilden 
ähnlich, die man in Träumen sieht. So gab es im- 
mer Orte, die wir mit Sicherheit erkannten, doch 
gleich daneben wuchsen wie Inseln, die aus dem 
Meere tauchen, neue und rätselhafte Streifen an. 
Um hier die rechte und wahre Topographie zu 
schaffen, bedurfte es unserer ganzen Kraft. Wir ta- 
ten daher wohl, die Abenteuer zu vermeiden, nach 
denen der alte Belovar begierig war. 

So schritten und weilten wir oft viele Stunden in 
Moor und Ried. Wenn ich die Einzelheiten dieses 
Werkes nicht beschreibe, so liegt das daran, daß wir 
Dinge trieben, die außerhalb der Sprache liegen, und 
die sich daher dem Banne, den Worte üben, entziehen. 
Indessen erinnert sich ein jeder, daß sein Geist, sei es 
in Träumen oder tiefem Sinnen, sich angestrengt in 
Regionen mühte, die er nicht schildern kann. Es war, 
als ob er sich in Labyrinthen zurechtzutasten suchte 
oder die Zeichnungen zu schauen, die im Vexierbild 
eingeschlossen sind. Und manchmal erwachte er 
wundersam gestärkt. In Solchem findet unsere beste 
Arbeit statt, und so schien es auch uns, daß uns im 



Kampfe selbst die Sprache noch nicht genüge, son- 
dern daß wir bis in die Traumes-Tiefe dringen 
müßten, um die Bedrohung zu bestehn. 

Und wirklich erschien uns, wenn wir einsam in 
Moor und Röhricht standen, das Beginnen oft wie 
ein feines Spiel mit Zug und Gegenzug. Dann 
brauten die Nebel stärker auf, und doch schien auch 
in unserem Inneren zugleich die Kraft zu wachsen, 
die Ordnung schafft. 



18. 
Indessen ließen wir bei keinem dieser Gänge die 
lumen außer acht. Sie gaben uns die Richtung, 
so wie der Kompaß den Weg durch ungewisse Meere 
weist. So war es auch an jenem Tage, an dem wir in 
das Innere des Filler-Hornes drangen, und dessen 
wir uns später nur mit Grausen erinnerten. 

Wir hatten uns am Morgen, als wir die Nebel aus 
den Wäldern bis an die Marmor-Klippen kochen 
sahen, vorgenommen, nach dem roten Waldvögelein 
zu fahnden, und hatten uns, nachdem Lampusa das 
Frühstück zugerüstet, bald auf den Weg gemacht. 
Das rote Waldvögelein ist eine Blume, die vereinzelt 
in Wäldern und Dickichten gedeiht, und führt den 
Namen Rubra, den Linnaeus ihr verliehen, im 
Unterschiede zu zwei blassen Arten, doch blüht es 
seltener als sie. Da diese Pflanze die Stellen liebt, an 
denen die Dickungen sich lichten, meinte Bruder 



89 



Otho, daß sie vielleicht am besten bei Köppels-Bleek 
zu suchen sei. So nannten die Hirten einen alten 
Kahlschlag, der an dem Orte liegen sollte, an dem der 
Waldrand in die Sichel des Filler-Hornes mündet, 
und der verrufen war. 

Am Mittag waren wir bei dem alten Belovar, 
doch nahmen, da wir uns der vollen Geisteskraft be- 
dürftig fühlten, wir keine Nahrung an. Wir streiften 
die silbergrauen Mäntel über, und da die Bestemutter 
uns, ohne Widerstand zu finden, abgetastet hatte, 
entließ der Alte uns getrost. 

Gleich hinter seiner Grenze setzte ein tolles Ne- 
beltreiben ein, das alle Formen verwischte und uns 
bald Weg und Steg verlieren ließ. So irrten wir im 
Kreis auf Moor und Heide und machten zuweilen 
zwischen Gruppen von alten Weiden oder an trüben 
Tümpeln, aus denen hohe Binsen wuchsen, Halt. 

Die Ödnis schien an diesem Tage belebter, denn 
wir hörten im Nebel Rufe und glaubten Gestalten 
zu erkennen, die nah im Dunst an uns vorüber glit- 
ten, doch ohne uns zu sehn. Wir hätten in diesem 
Trubel gewiß den Weg zum Filler-Horn verfehlt, 
allein wir hielten uns an den Sonnentau. Wir wuß- 
ten, daß dieses Kräutlein den feuchten Gürtel, der 
den Wald umringte, besiedelt hielt, und folgten dem 
Muster seiner glänzend grünen und rot behaarten 
Blätter wie einem Teppichsaum. Auf diese Weise er- 
reichten wir die drei hohen Pappeln, die sonst bei 
klarem Wetter die Spitze des Filler-Hornes wie Lan- 



90 



zenschäfte weithin zeichneten. Von diesem Punkte 
tasteten wir uns an der Sichelschneide bis an den 
Waldrand vor und drangen dort in die größte Breite 
des Filler-Hornes ein. 

Nachdem wir einen dichten Saum von Schlehdorn 
und Kornellen durchbrochen hatten, traten wir in 
den Hochwald ein, in dessen Gründen noch nie der 
Schlag der Axt erklungen war. Die alten Stämme, die 
den Stolz des Oberförsters bildeten, standen im 
feuchten Glanz wie Säulen, deren Kapitale der 
Dunst verbarg. Wir schritten unter ihnen wie durch 
weite Vestibüle, und gleich dem Zauberwerk auf 
einer Bühne hingen Efeuranken und Clematis- 
Blüten aus dem Unsichtbaren auf uns herab. Der 
Boden war hoch bedeckt mit Mulm und modern- 
dem Geäst, auf dessen Rinde sich Pilze, brennend 
rote Becherlinge, angesiedelt hatten, sodaß uns ein 
Gefühl von Tauchern, die durch Korallengärten 
wandeln, überschlich. Wo einer dieser Riesenstämme 
vom Alter oder durch den Blitz geworfen war, da 
traten wir auf kleine Lichtungen hinaus, auf denen 
der gelbe Fingerhut in dichten Büscheln stand. Auch 
wucherten Tollkirschen-Sträucher auf dem mor- 
schen Grunde, an deren Zweigen die Blumenkelche 
in braunem Violett wie Toten-Glöckchen schaukel- 
ten. 

Die Luft war still und drückend, doch scheuchten 
wir mannigfache Vögel auf. So hörten wir das feine 
Zirpen, mit dem das Feuer-Hähnchen durch die 



91 



Lärchen streift, und auch die Warnungs-Rufe, mit 
denen die aufgeschreckte Drossel ihr Liedchen un- 
terbricht. Mit Kichern barg sich der Wendehals im 
hohlen Erlenstamm, und in den Eichenkronen ga- 
ben uns die Pirole mit gaukelndem Gelächter das 
Geleit. Auch hörten wir in der Ferne den trunkenen 
Täuber girren und das Hämmern der Spechte am 
toten Holz. 

So pürschten wir langsam einen flachen Hügel an, 
bis Bruder Otho, der ein wenig im voraus war, mir 
zurief, daß die Rodung ganz nahe sei. Dies war der 
Augenblick, in dem ich das rote Waldvögelein, nach 
dem wir suchten, im Dämmer schimmern sah, und 
freudig eilte ich darauf zu. Das Blümlein machte 
seinem Namen Ehre, denn es schien einem Vögelchen 
zu gleichen, das heimlich im kupferbraunen Bu- 
chenlaube nistete. Ich sah die schmalen Blätter und 
die Purpur-Blüte mit der blassen Spitze der Honig- 
lippe, durch die sie ausgezeichnet ist. 

Den Forscher, den so der Anblick eines Pflänzleins 
oder eines Tieres überrascht, ergreift ein glückliches 
Gefühl, als hätte die Natur ihn reich beschenkt. Bei 
solchen Funden pflegte ich, ehe ich sie berührte, 
Bruder Otho anzurufen, daß er die Freude mit mir 
teile, doch als ich eben den Blick zu ihm erheben 
wollte, hörte ich einen Klagelaut, der mich er- 
schrecken ließ. So strömt nach Wunden, die uns tief 
verletzten, der Lebensatem langsam aus der Brust. 
Ich sah ihn wie gebannt dicht vor mir auf der 



92 



Hügelkuppe stehen, und als ich zu ihm eilte, hob er 
die Hand und lenkte meinen Blick. Da fühlte ich 
es wie mit Krallen mir nach dem Herzen greifen, 
denn vor mir ausgebreitet lag die Stätte der Unter- 
drückung in ihrer vollen Schmach. 



19. 
Wir standen hinter einem kleinen Busche, der 
feuerrote Beeren trug, und schauten auf die 
Rodung von Köppels-Bleek hinaus. Das Wetter hatte 
sich geändert, denn wir erblickten von den Nebel- 
schwaden, die uns seit den Marmor-Klippen be- 
gleitet hatten, hier keine Spur. Die Dinge traten 
vielmehr in voller Deutlichkeit hervor, so wie im 
Zentrum eines Wirbelsturmes, in stiller und un- 
bewegter Luft. Auch waren die Vogelstimmen nun 
verstummt, und nur ein Kuckuck lichterte, wie es 
die Sitte seiner Sippschaft ist, am dunklen Wald- 
rand hin und her. Bald nah, bald ferner hörten wir 
sein spöttisches und fragendes Gelächter Kuck-Kuck, 
Kuck-Kuck rufen, und dann sich triumphierend 
überschlagen, daß unser Blut ein Frösteln überlief. 
Die Rodung war mit dürrem Grase überwachsen, 
das nur im Hintergrunde der grauen Karden- 
Distel, die man auf Abraum-Plätzen findet, wich. 
Von diesem trockenen Bestände hoben sich selt- 
sam frisch zwei große Büsche ab, die wir beim ersten 
Blick für Lorbeer-Sträucher hielten, doch waren die 



93 



Blätter gelb gescheckt, wie man dergleichen in 
Fleischerläden sieht. Sie wuchsen zu beiden Seiten 
einer alten Scheuer, die weit geöffnet auf der Ro- 
dung stand. Das Licht, das sie beschien, war zwar 
kein Sonnenlicht, doch gleißend und schattenlos 
und hob den weiß getünchten Bau sehr scharf her- 
vor. Die Mauern waren durch schwarze Balken, die 
auf drei Füßen standen, in Fächer eingeteilt, und 
über ihnen stieg spitz ein graues Schindeldach em- 
por. Auch waren Stangen und Haken an sie an- 
gelehnt. 

Über dem dunklen Tore war am Giebel-Felde ein 
Schädel festgenagelt, der dort im fahlen Lichte die 
Zähne bleckte und mit Grinsen zum Eintritt auf- 
zufordern schien. Wie eine Kette im Kleinod endet, 
so schloß in ihm ein schmaler Giebelfries, der wie aus 
braunen Spinnen gebildet schien. Doch gleich er- 
rieten wir, daß er aus Menschen-Händen an die 
Mauer geheftet war. Wir sahen das so deutlich, daß 
wir den kleinen Pflock erkannten, der durch den 
Teller einer jeden getrieben war. 

Auch an den Bäumen, die die Rodung säumten, 
bleichten die Totenköpfe, von denen mancher, dem 
in den Augenhöhlen schon Moos gewachsen war, 
mit dunklem Lächeln uns zu mustern schien. Es war 
ganz still bis auf den tollen Tanz, mit dem der 
Kuckuck um die Schädel-Bleiche lichterte. Ich hörte, 
wie Bruder Otho, halb träumend, flüsterte: „Ja, das 
ist Köppels-Bleek." 



94- 



Das Innere der Scheune lag fast im Dunkel, und 
wir erkannten nur dicht am Eingang eine Schinder- 
bank mit aufgespannter Haut. Dahinter schimmerten 
noch bleiche, schwammige Massen aus dem finstren 
Grund. Zu ihnen sahen wir in die Scheuer Schwärme 
stahlfarbener und goldener Fliegen schwirren wie in 
ein Bienenhaus. Dann fiel der Schatten eines großen 
Vogels auf den Platz. Er rührte von einem Geier, 
der mit ausgezackten Schwingen auf das Kardenfeld 
herniederstieß. Erst als wir ihn bis an den roten 
Hals langsam im aufgewühlten Grunde schnäbeln 
sahen, erkannten wir, daß dort ein Männlein mit der 
Hacke am Werke war, und daß der Vogel seine 
Arbeit begleitete, so wie der Rabe dem Pfluge folgt. 

Nun legte das Männlein die Hacke nieder und 
schritt, ein Liedchen pfeifend, auf die Scheuer zu. 
Es war in einen grauen Wams gekleidet, und wir 
sahen, daß es sich wie nach wackrem Werk die 
Hände rieb. Nachdem es in die Scheuer eingetreten 
war, begann ein Pochen und Schaben an der Schin- 
derbank, dazu es in lemurenhafter Heiterkeit sein 
Liedchen weiterpfiff. Dann hörten wir, wie zur Be- 
gleitung, im Tannicht den Wind sich wiegen, sodaß 
die bleichen Schädel an den Bäumen im Chore 
klapperten. Auch mischten sich in sein Wehen das 
Schwingen der Haken und das Kraspeln der dürren 
Hände an der Scheuerwand. Das klang so hölzern 
und beinern wie im Reich des Todes ein Marionet- 
ten-Spiel. Zugleich trieb mit dem Winde ein zäher, 



95 



schwerer und süßer Hauch der Verwesung an, der 
uns bis in das Mark der Knochen erzittern ließ. Wir 
fühlten, wie in unserem Inneren die Lebens-Melodie 
auf ihre dunkelste, auf ihre tiefste Saite übergriff. 

Wir wußten später nicht zu sagen, wie lange wir 
diesen Spuk betrachtet hatten — vielleicht nicht 
länger als einen Augenblick. Dann, wie erwachend, 
faßten wir uns an den Händen und stürzten in den 
Hochwald des Filler-Horns zurück, indes der 
Kuckucks-Ruf uns höhnend geleitete. Nun kannten 
wir die üble Küche, aus der die Nebel über die 
Marina zogen — da wir nicht weichen wollten, 
hatte der Alte sie uns ein wenig deutlicher gezeigt. 
So sind die Keller, darauf die stolzen Schlösser der 
Tyrannis sich erheben, und über denen man die 
Wohlgerüche ihrer Feste sich kräuseln sieht — : 
Stankhöhlen grauenhafter Sorte, darinnen auf alle 
Ewigkeit verworfenes Gelichter sich an der Schän- 
dung der Menschenwürde und Menschenfreiheit 
schauerlich ergötzt. Dann schweigen die Musen, 
und die Wahrheit beginnt zu flackern wie eine 
Leuchte in böser Wetterluft. Da sieht man die 
Schwachen schon weichen, wenn kaum die ersten 
Nebel brauen, doch selbst die Krieger-Kaste be- 
ginnt zu zagen, wenn sie das Larven-Gelichter aus 
den Niederungen auf die Bastionen emporgestiegen 
sieht. So kommt es, daß Kriegesmut auf dieser Welt 
im zweiten Treffen steht; und nur die Höchsten, 
die mit uns leben, dringen bis in den Sitz des 



96 



Schreckens ein. Sie wissen, daß alle diese Bilder ja 
nur in unserem Herzen leben, und schreiten als 
durch vorgestellte Spiegelungen durch sie in stolze 
Siegestore ein. So werden sie durch die Larven gar 
herrlich in ihrer Wirklichkeit erhöht. 

Uns aber hatte der Totentanz auf Koppels - 
Bleek im Innersten geschreckt, und schaudernd 
standen wir im tiefen Walde und lauschten dem 
Kuckucks-Ruf. Dann aber begann die Scham uns 
zu ergreifen, und es war Bruder Otho, der verlangte, 
daß wir uns gleich noch einmal an die Rodung zu- 
rückbegeben sollten, weil das rote Waldvögelein nicht 
in das Fundbuch eingetragen worden sei. Wir 
pflegten nämlich über alle Pflanzenfunde an Ort 
und Stelle Tagebuch zu führen, da wir erfahren hat- 
ten, daß uns in der Erinnerung viel entging. So 
dürfen wir wohl sagen, daß unsere Florula Marinae 
im Feld entstanden ist. 

Wir pürschten also, ohne uns an den Kuckucks- 
Ruf zu kehren, wieder bis an den kleinen Hügel vor 
und suchten dann im Laube das Pflänzlein auf. 
Nachdem wir es noch einmal gut betrachtet hatten, 
hob Bruder Otho seinen Wurzelstock mit unserem 
Spatel aus. Dann maßen wir das Kraut in allen 
seinen Teilen mit dem Zirkel aus und trugen mit 
dem Datum auch die Einzelheiten des Fundorts in 
unser Büchlein ein. 

Wir Menschen, wenn wir so in den uns zugemesse- 
nen Berufen am Werke sind, stehen im Amt — und 



97- 



es ist seltsam, daß uns dann sogleich ein stärkeres 
Gefühl der Unversehrbarkeit ergreift. Wir hatten das 
bereits im Feld erfahren, wo der Krieger, wenn die 
Nähe des Todes an ihm zu zehren droht, sich gern 
den Pflichten widmet, die seinem Stande vorge- 
schrieben sind. In gleicher Weise hatte uns die Wis- 
senschaft gar oft gestärkt. Es liegt im Blick des 
Auges, der sich erkennend und ohne niedere Blen- 
dung auf die Dinge richtet, eine große Kraft. Er 
nährt sich von der Schöpfung auf besondre Weise, 
und hierin liegt allein die Macht der Wissenschaft. 
So fühlten wir, wie selbst das schwache Blümlein 
in seiner Form und Bildung, die unverwelklich sind, 
uns stärkte, dem Hauche der Verwesung zu wider- 
stehn. 

Als wir dann durch das hohe Holz zum Waldrand 
schritten, war die Sonne hervorgetreten, wie man 
das zuweilen noch kurz vor ihrem Untergange an 
Nebeltagen sieht. In den durchbrochenen Kronen 
der Riesenbäume lag goldener Schein, und golden 
war auch der Glanz des Mooses, das unser Fuß be- 
trat. Die Kuckucks-Rufe waren nun längst ver- 
stummt, doch in den höchsten, Wipfeldürren Zweigen 
waren unsichtbar die Sprosser aufgezogen, köstliche 
Sänger, deren Stimme die kühle Feuchte inniglich 
durchdrang. Dann stieg mit grünem Schimmer, 
wie aus Grotten, der Abend auf. Den Geißblatt- 
Ranken, die aus der Höhe herniederhingen, ent- 
strömte tiefer Duft, und schwirrend stiegen die 



98 



bunten Abendschwärmer zu ihren gelben Blüten- 
Hörnern auf. Wir sahen sie leise zitternd und wie im 
Wollust-Traum verloren vor den Lippen der auf- 
gereckten Kelche stehen, dann stießen sie vibrie- 
rend den schmalen und leicht gekrümmten Rüssel 
in den süßen Grund, xxx 

Als wir bei den drei Pappeln das Filler-Horn ver- 
ließen, begann bereits die bleiche Sichel des Mondes 
sich in Gold zu färben, und die Sterne traten am 
Firmament hervor. Im Binsengrunde stießen wir 
auf den alten Belovar, der in der Dämmerung mit 
seinen Knechten und Hetzern auf unsere Spur ge- 
gangen war. Der Alte lachte, als wir ihm nachher 
beim Safran-Weine die rote Blume zeigten, die wir in 
Klöppels-Bleek erbeutet hatten; wir aber schwiegen 
und baten ihn beim Abschied, auf seinem schönen 
und unversehrten Hofe wohl auf der Hut zu sein. 



20. 
Es gibt Erfahrungen, die uns von neuem zur 
Prüfung zwingen, und zu ihnen zählte für uns 
der Einblick in die Schinderhütte bei Köppels-Bleek. 
Zunächst beschlossen wir, den Pater Lampros aufzu- 
suchen, doch ehe wir ins Kloster der Falcifera gelang- 
ten, brach schon die Katastrophe über uns herein. 
Am nächsten Tage ordneten wir lange Skripturen 
im Herbarium und in der Bibliothek und legten 
vieles schon brandgerecht. Dann saß ich noch ein 



99 



wenig bei Beginn der Dunkelheit im Garten auf 
der Terrassen-Brüstung, um mich am Duft der Blu- 
men zu erfreuen. Noch lag die Sonnenwärme auf 
den Beeten, und doch stieg aus den Ufergräsern 
bereits die erste Kühlung auf, die den Geruch des 
Staubes niederschlug. Dann fiel der Hauch der 
Mondviolen und der hellen Nachtkerzen-Blüten kas- 
kadisch von den Marmor-Klippen in den Garten 
der Rauten-Klause ein. Und wie es Düfte gibt, die 
sinken, und andere, die aufwärtssteigen, so drang 
durch diese schweren Wellen ein leichteres und fei- 
neres Arom empor. 

Ich ging ihm nach und sah, daß in der Dämmerung 
die große Goldband-Lilie aus Zipangu aufgesprun- 
gen war. Es war noch Licht genug, den goldenen 
Flammenstrich zu ahnen, und auch die braune Ti- 
gerung, durch die der weiße Kelch gar prächtig ge- 
zeichnet war. In seinem hellen Grunde stand wie 
der Klöppel in der Glocke das Pistill, um das sechs 
schmale Staubgefäße sich im Kreise ordneten. Sie 
waren mit braunem Puder wie mit dem feinsten 
Auszug von Opium bedeckt und von den Faltern 
ganz unbeflogen, sodaß die zarte Scheide in ihrer 
Mitte noch leuchtete. Ich beugte mich über sie und 
sah, daß sie an ihren Fäden zitterten wie Spielwerk 
der Natur: gleich einem Glockenspiele, das statt 
der Töne muskatische Essenz verströmen ließ. Für 
immer wird es ein Wunder bleiben, daß diese zar- 
ten Lebe- Wesen so starke Liebeskraft beseelt. 



100 



Indem ich so die Lilien beschaute, blitzte unten 
am Weinbergs-Wege ein feiner blauer Lichtstrahl 
auf und schob sich tastend am Rebenhügel vor. 
Dann hörte ich, wie unten vor der Rautenklausen- 
Pforte ein Wagen hielt. Obgleich wir Gäste nicht 
erwarteten, eilte ich doch, der Lanzen-Ottern we- 
gen, zum Tor hinab und sah dort einen starken 
Wagen stehen, der leise summte wie ein Insekt, das 
fast unhörbar schwirrt. Er trug die Farben, die der 
hohe Adel von Neu-Burgund sich vorbehalten hat, 
und vor ihm standen zwei Männer, von denen der 
eine das Zeichen schlug, mit dem die Mauretanier 
sich in der Dunkelheit verständigen. Er nannte mir 
seinen Namen, Braquemart, an den ich mich er- 
innerte, und stellte mich dann dem andern vor, dem 
jungen Fürsten von Sunmyra, einem hohen Herren 
aus neuburgundischem Geschlecht. 

Ich bat sie, in die Rauten-Klause einzutreten und 
faßte sie, um sie zu führen, bei der Hand. So schritten 
wir zu dritt im schwachen Scheine den Schlangen- 
pfad empor, und ich bemerkte, daß der Fürst der 
Tiere kaum achtete, indessen Braquemart sie spöt- 
tisch und doch sehr aufmerksam vermied. 

Wir gingen in die Bibliothek, in der wir Bruder 
Otho trafen, und während Lampusa Wein und Ge- 
bäck aufsetzte, begannen wir mit unseren Gästen 
das Gespräch. Wir kannten Braquemart bereits von 
früher, doch hatten wir ihn immer nur kurz ge- 
sehen, da er häufig auf Reisen war. Er war ein kleiner, 



101 



dunkler, hagerer Geselle, den wir ein wenig grob- 
drähtig fanden, doch wie alle Mauretanier nicht 
ohne Geist. Er zählte zu jenem Schlage, den wir im 
Scherz die Tigerjäger nannten, weil man ihnen zu- 
meist in Abenteuern, die exotischen Charakter tru- 
gen, begegnete. Er ging in die Gefahr, wie man zum 
Sport in kluftenreiche Massive steigt; ihm waren die 
Ebenen verhaßt. Er hatte ein starkes Herz von jener 
Sorte, die nicht vor Hindernissen scheut; doch leider 
gesellte sich dieser Tugend Verachtung zu. Wie alle 
Schwärmer von Macht und Übermacht verlegte er 
seine wilden Träume in die Reiche der Utopie. Er 
war der Meinung, daß es auf Erden seit Anbeginn 
zwei Rassen gebe, die Herren und die Knechte, und 
daß im Lauf der Zeiten zwischen ihnen Vermi- 
schung eingetreten sei. In dieser Hinsicht war er ein 
Schüler vom alten Pulverkopf und forderte wie die- 
ser die neue Sonderung. Auch lebte er, wie jeder 
grobe Theoretiker, vom Zeitgemäßen in der Wissen- 
schaft und trieb besonders die Archäologie. Er war 
nicht fein genug, zu ahnen, daß unser Spaten un- 
fehlbar alle Dinge findet, die uns im Sinne leben, 
und er hatte, wie schon so mancher vor ihm, auf 
diese Weise den ersten Sitz des menschlichen Ge- 
schlechts entdeckt. Wir waren mit in der Sitzung, in 
der er über diese Grabungen berichtete, und hörten, 
daß er in einer fernen Wüste auf ein groteskes Tafel- 
Land gestoßen war. Dort wuchsen hohe Porphyr- 
Sockel aus einer großen Ebene empor — sie waren 



102 



von der Verwitterung ausgespart und standen wie 
Bastionen oder Felsen-Inseln auf dem Grund. Sie 
hatte Braquemart erstiegen und auf den Hochpla- 
teaus Ruinen von Fürstenschlössern und Sonnen- 
tempeln aufgefunden, deren Alter er als vor der Zeit 
bezeichnete. Nachdem er ihre Maße und ihre Eigen- 
art beschrieben hatte, ließ er das Land im Bilde auf- 
erstehen. Er zeigte die fetten, grünen Weidegründe, 
auf denen, so weit das Auge reichte, die Hirten und 
die Ackerbauern mit ihren Herden saßen, und über 
ihnen auf den Porphyr -Türmen im roten Prunk die 
Adlernester der Urgebieter dieser Welt. Auch ließ 
er den längst versiegten Strom die Schiffe mit den 
Purpurdecks hinunterfahren; man sah die hundert 
Ruder mit insektenhaftem Regelmaß ins Wasser 
tauchen und hörte den Klang der Becken und der 
Geißel, die auf den Rücken der unglückseligen Ga- 
leeren-Sklaven fiel. Das waren Bilder für Braque- 
mart. Er zählte zum Schlage der konkreten Träu- 
mer, der sehr gefährlich ist. 

Den jungen Fürsten sahen wir abwesend in ganz 
anderer Art. Er mochte zwanzig Jahr kaum über- 
schritten haben, doch stand zu diesem Alter ein Aus- 
druck schweren Leidens, den wir an ihm bemerkten, 
in sonderbarem Gegensatz. Obwohl er hoch gewach- 
sen war, hielt er sich tief gebeugt, als ob die Größe 
ihm Schwierigkeit bereitete. Auch schien er kaum zu 
hören, was wir verhandelten. Ich hatte den Eindruck, 
daß hohes Alter und große Jugend sich in ihm ver- 



103 



einigten — das Alter des Geschlechtes und die Jugend 
der Person. So war in seinem Wesen die Dekadenz 
tief eingeprägt; man merkte an ihm den Zug alt an- 
gestammter Größe, und auch den Gegenzug, wie ihn 
die Erde auf alles Erbe übt — denn Erbe ist Totengut. 

Ich hatte wohl erwartet, daß in der letzten Phase 
des Ringens um die Marina der Adel in Erscheinung 
treten würde — denn in den edlen Herzen brennt 
das Leiden des Volkes am heißesten. Wenn das Ge- 
fühl für Recht und Sitte schwindet, und wenn der 
Schrecken die Sinne trübt, dann sind die Kräfte der 
Eintags-Menschen gar bald versiegt. Doch in den 
alten Stämmen lebt die Kenntnis des wahren und 
legitimen Maßes, und aus ihnen brechen die neuen 
Sprossen der Gerechtigkeit hervor. Aus diesem 
Grunde wird bei allen Völkern dem edlen Blute der 
Vorrang eingeräumt. Doch hatte ich geglaubt, daß 
eines Tages aus den Schlössern und Burgen sich 
Bewaffnete erheben würden als ritterliche Führer 
im Freiheitskampf. Statt dessen sah ich diesen frühen 
Greis, der selbst der Stütze bedürftig war, und des- 
sen Anblick mir vollends deutlich machte, wie weit 
der Untergang schon vorgeschritten war. Und 
dennoch schien es wunderbar, daß dieser müde Träu- 
mer sich berufen fühlte, Schutz zu gewähren — so 
drängen die Schwächsten und die Reinsten sich zu 
den ehernen Gewichten dieser Welt. 

Ich hatte schon unten vor der Pforte geahnt, was 
diese beiden mit abgeblendeten Laternen zu uns 



104- 



führte, und auch mein Bruder Otho schien es zu 
wissen, ehe noch ein Wort gefallen war. Dann bat 
uns Braquemart um eine Schilderung der Lage, die 
Bruder Otho ihm bis ins einzelne erstattete. Der 
Art, in der sie Braquemart ergriff, war zu entneh- 
men, daß er über alle Kräfte und Gegenkräfte vor- 
trefflich unterrichtet war. Auch hatte er schon mit 
Biedenhorn gesprochen, nur Pater Lampros war 
ihm unbekannt. 

Der Fürst hingegen verharrte in gebeugter Träu- 
merei. Selbst die Erwähnung von Köppels-Bleek, 
die Braquemart in Laune versetzte, schien von ihm 
abzugleiten; nur, als er von der Schändung des 
Eburnums hörte, fuhr er zornig von seinem Sitz 
empor. Dann streifte Bruder Otho noch in allgemei- 
nen Sätzen die Meinung, die wir von den Dingen 
hegten, und das Verhalten, das uns angemessen 
schien. Dem hörte Braquemart zwar höflich und 
doch mit schlecht verhehltem Spotte zu. Es war ihm 
von der Stirne abzulesen, daß er uns nur als 
schwächliche Phantasten betrachtete, und daß sein 
Urteil schon gebildet war. So gibt es Lagen, in de- 
nen jeder jeden für einen Träumer hält. 

Es mag nun wunderlich erscheinen, daß Braque- 
mart in diesem Handel dem Alten entgegentreten 
wollte, obgleich doch beide in ihrem Sinnen und 
Trachten viel Ähnliches verband. Es ist jedoch ein Feh- 
ler, der uns im Denken häufig unterläuft, daß wir bei 
Gleichheit der Methoden auch auf die gleichen Ziele 



105 



schließen und auf die Einheit des Willens, der hinter 
ihnen steht. Darin bestand jedoch Verschiedenheit 
insofern, als der Alte die Marina mit wilden Bestien 
zu bevölkern im Sinne hatte, indessen Braquemart 
sie als den Boden für Sklaven und für Sklaven-Heere 
betrachtete. Es drehte sich dabei im Grunde um 
einen der inneren Konflikte unter Mauretaniern, 
den hier in seinen Einzelheiten zu beschreiben nicht 
tunlich ist. Es sei nur angedeutet, daß zwischen dem 
ausgeformten Nihilismus und der wilden Anarchie 
ein tiefer Gegensatz besteht. Es handelt sich bei die- 
sem Kampfe darum, ob die Menschen-Siedlung zur 
Wüste oder zum Urwald umgewandelt werden soll. 
Was Braquemart betrifft, so waren alle Züge des 
späten Nihilismus an ihm sehr ausgeprägt. Ihm 
war die kalte, wurzellose Intelligenz zu eigen und 
auch die Neigung zur Utopie. Auch faßte er wie 
alle seinesgleichen das Leben als ein Uhrwerk auf, 
und so erblickte er in Gewalt und Schrecken die 
Antriebs-Räder der Lebensuhr. Zugleich erging er 
sich in den Begriffen einer zweiten und künstlichen 
Natur, berauschte sich am Dufte nachgeahmter Blu- 
men und den Genüssen einer vorgespielten Sinn- 
lichkeit. Die Schöpfung war in seiner Brust getötet 
und wie ein Spielwerk wieder aufgebaut. Eisblumen 
blühten auf seiner Stirn. Wenn man ihn sah, dann 
mußte man an den tiefen Ausspruch seines Meisters 
denken: „Die Wüste wächst — weh dem, der 
Wüsten birgt!" 



106 



Und dennoch spürten wir eine leise Neigung zu 
Braquemart — nicht so sehr deshalb, weil er Herz 
besaß, denn wenn der Mensch sich den Gesteinen 
nähert, verringert sich auch das Verdienst, das 
auf dem Mut beruht. Es war vielmehr ein feiner 
Schmerz an ihm das Liebenswerte — die Bitter- 
keit des Menschen, der sein Heil verloren hat. Er 
suchte sich dafür an der Welt zu rächen, so wie ein 
Kind in eitlem Zorn den bunten Blumenflor zer- 
stört. Auch schonte er nicht sich selbst und drang mit 
kaltem Mute in die Labyrinthe des Schreckens ein. 
So suchen wir, wenn uns der Sinn der Heimat ver- 
loren ging, die fernen Abenteuer-Welten auf. 

Im Denken suchte er das Leben nachzuzeichnen 
und hielt darauf, daß der Gedanke Zähne und Kral- 
len zeigen muß. Doch glichen seine Theorien einem 
Destillate, in das die eigentliche Lebenskraft nicht 
überging; es fehlte ihnen das köstliche Ingrediens 
des Überflusses, das alle Speisen erst schmackhaft 
macht. Es herrschte Dürre in seinen Plänen, obgleich 
kein Fehler in der Logik zu finden war. So schwindet 
der Wohlklang der Glocke durch einen unsichtbaren 
Sprung. Es lag das daran, daß bei ihm die Macht zu 
sehr in den Gedanken lebte, und zu wenig in der 
Grandezza, in der angeborenen Desinvolture. In 
dieser Hinsicht war ihm der Oberförster überlegen, 
der die Gewalt wie einen guten, alten Jagdrock trug, 
der stets bequemer wird, je öfter er sich mit Schlamm 
und Blut durchtränkt. Aus diesem Grunde hatte ich 



107 



auch den Eindruck, daß Braquemart sich auf ein 
böses Abenteuer einzulassen auf dem Sprunge stand; 
bei solchen Treffen wurden die Ethiker noch immer 
von den Praktikern erlegt. 

Wahrscheinlich ahnte Braquemart von seiner 
Schwäche dem Alten gegenüber und hatte deshalb 
den jungen Fürsten mitgebracht. Uns schien in- 
dessen, daß dieser in ganz anderen Zusammenhän- 
gen webte, und so ergeben sich oft Bünde wunder- 
licher Art. Vielleicht war es der Fürst, der Braque- 
mart benutzte, wie man ein Boot zur Überfahrt be- 
nutzt. In diesem schwachen Körper lebte ein starker 
Zug aufs Leiden zu, und wie im Traume hielt er, 
fast ohne Überlegung und doch mit Sicherheit, die 
Richtung ein. So raffen, wenn im Felde das Hörn 
zum Angriff ruft, die guten Krieger sich sterbend 
noch vom Boden auf. 

Mit Bruder Otho dachte ich später oft an dies Ge- 
spräch zurück, das unter keinem guten Sterne stand. 
Der Fürst sprach kaum ein Wort, und Braquemart 
entfaltete die unduldsame Überlegenheit, an der man 
den Techniker erkennt. Man sah ihm an, daß er sich 
im Geheimen über unsere Bedenken lustig machte, 
und ohne daß er über seine Pläne ein Wort verloren 
hätte, fragte er uns nach der Lage der Wälder und 
der Weidegründe aus. Auch zeigte er sich begierig 
nach Einzelheiten über des Adepten Fortunios Aben- 
teuer und Untergang. Wir sahen aus seinen Fragen, 
daß er dort zu erkunden oder auch zu operieren 



108 



plante, und ahnten, daß er das Übel verschlimmern 
würde wie ein schlechter Arzt. Es war doch schließ- 
lich kein Zufall und kein Abenteuer, daß der Alte 
mit dem Lemuren-Volke aus dem Wälder-Dunkel 
herauszutreten begann und Wirksamkeit entfaltete. 
Gelichter dieser Art ward früher gleich Gaudieben 
abgefertigt, und sein Erstarken deutete auf tiefe 
Veränderungen in der Ordnung, in der Gesundheit, 
ja, im Heile des Volkes hin. Hier galt es anzusetzen, 
und daher taten Ordner not und neue Theologen, 
denen das Übel von den Erscheinungen bis in die 
feinsten Wurzeln deutlich war; dann erst der Hieb 
des konsekrierten Schwertes, der wie ein Blitz die 
Finsternis durchdringt. Aus diesem Grunde mußten 
die einzelnen auch klarer und stärker in der Bin- 
dung leben als je zuvor — als Sammler an einem 
neuen Schatz von Legitimität. So lebt man doch schon 
auf besondere Weise, wenn man nur einen kurzen 
Lauf gewinnen will. Hier aber galt es das hohe Le- 
ben, die Freiheit und die Menschen-Würde selbst. 
Dergleichen Pläne freilich hielt Braquemart, da er 
dem Alten mit gleicher Münze heimzuzahlen ge- 
dachte, für eitlen Firlefanz. Er hatte die Achtung vor 
sich selbst verloren, und damit fängt alles Unheil 
unter Menschen an. 

So sprachen wir lange hin und her. Wenn wir 
uns in den Worten nicht verstanden, so ging uns 
doch im Schweigen vieles auf. Vor der Entschei- 
dung treffen sich die Geister wie die Ärzte am Kran- 



109 



kenbett. Der eine möchte zum Messer greifen, der 
andere will den Kranken schonen, und der Dritte 
sinnt auf Mittel von besonderer Art. Doch was sind 
Menschenrat und -wille, wenn in den Sternen schon 
der Untergang beschlossen liegt? Indessen hält man 
Kriegsrat auch vor verlorener Schlacht. 

Der Fürst und Braquemart gedachten, noch in der 
gleichen Nacht die Weidegründe aufzusuchen, und 
da sie weder Führung noch Begleitung annehmen 
wollten, empfahlen wir ihnen den alten Belovar. 
Dann gaben wir den beiden bis an die Stufen der 
Marmorklippen-Treppe das Geleit. Wir nahmen 
förmlich Abschied, wie man es pflegt, wenn die 
Begegnung ohne Wärme und ohne Frucht verlief. 
Doch schloß sich daran noch eine stumme Szene, 
die mich verwirrte, an. Die beiden blieben im ersten 
Dämmerlichte an den Klippen stehen und musterten 
uns schweigend eine lange Zeit. Schon stieg die 
Morgenkühle auf, in der die Dinge für eine kurze 
Spanne dem Auge sichtbar werden, als ob sie sich 
aus ihrem Ursprung entfalteten, neu und geheimnis- 
voll. So standen auch der Fürst und Braquemart. Mir 
schien, daß Braquemart den überlegenen Spott ver- 
loren hatte und menschlich lächelte. Der junge Fürst 
hingegen hatte sich aufgerichtet und blickte uns heiter 
an — als ob er um die Lösung eines Rätsels wüßte, 
das uns beschäftigte. Das Schweigen währte eine lange 
Zeit, dann faßte Bruder Otho noch einmal nach des 
Fürsten Hand und beugte sich tief auf sie hinab. 



110 



Nachdem die beiden am Zinnenrande der Mar- 
mor-Klippen dem Blick entschwunden waren, suchte 
ich noch, bevor ich mich zur Ruhe legte, die Gold- 
band-Lilie auf. Die feinen Staubgefäße waren schon 
beflogen, und die grüngoldene Tiefe des Kelches 
war mit Purpurstaub befleckt. Ihn hatten wohl die 
großen Nacht-Papilionen beim Hochzeits-Schmaus 
verstreut. 

So fließen aus jeder Stunde Süße und Bitterkeit. 
Und während ich mich über die betauten Blüten- 
kelche beugte, ertönte aus fernen Vorgehölzen der 
erste Kuckucks-Ruf. 



21. 

Den Vormittag verbrachten wir in Sorge, indes 
der Wagen verlassen vor unserer Pforte stand. 
Beim Frühstück reichte Lampusa uns einen Zettel 
von Phyllobius, aus dem wir sahen, daß der Besuch 
ihm nicht entgangen war. Er bat uns darin, den 
Fürsten dringend in das Kloster einzuladen; Lam- 
pusa hatte die Bestellung unheilvoll versäumt. 

Am Mittag kam der alte Belovar, um uns zu mel- 
den, daß der junge Fürst mit Braquemart in aller 
Frühe auf seinem Hofe erschienen war. Dort hatte 
ihn Braquemart, indem er ein bemaltes Pergament 
studierte, nach Punkten in den Wäldern ausgefragt. 
Dann waren sie wieder aufgebrochen, und der Alte 
hatte ihnen aus seiner Sippe Späher nachgesandt. 



111 



Die beiden waren in dem Striche zwischen dem 
Filler-Horne und dem Vorgehölz des roten Stieres 
in die Wälder eingetaucht. 

Die Nachricht lehrte uns, daß Schlimmes zu er- 
warten stand, und lieber hätten wir gesehen, daß die 
beiden mit den Knechten und Söhnen des Alten auf- 
gebrochen wären, wie es ihnen angeboten war. Wir 
kannten den Grundsatz Braquemarts, niemand sei 
fürchterlicher als der einzelne von Rang, und hielten 
es für möglich, daß sie den alten Blutfürsten selbst 
auf seinem Prunkhof heimsuchen würden, um ihn zu 
bestehn. Dann aber gerieten sie in die Netze der 
Dämonen-Macht — wir ahnten, daß schon Lam- 
pusas Säumnis mit den Zugfäden dieser Netze in 
Beziehung stand. Wir dachten an Fortunios Schick- 
sal, der doch ein Mensch von großen Gaben gewesen 
war, und der sich lange mit den Wäldern beschäf- 
tigt hatte, ehe er in sie vorgestoßen war. Es war 
wohl seine Karte, die nach manchem Umweg in den 
Besitz von Braquemart geraten war. Wir hatten nach 
Fortunios Tode lange nach ihr gefahndet und er- 
fahren, daß sie in Schatzgräber-Hände gefallen war. 

So waren die beiden unvorbereitet und ohne hohe 
Führung in die Gefahr gegangen, wie man in bloße 
Abenteuer zieht. Sie gingen gleich halben Menschen 
— dort Braquemart, der reine Techniker der Macht, 
der immer nur kleine Teile und nie die Wurzeln der 
Dinge sah, und hier der Fürst Sunmyra, der edle 
Geist, der die gerechte Ordnung kannte, doch einem 



112 



Kinde glich, das sich in Wälder, in denen Wölfe 
heulen, wagt. Doch schien uns möglich, daß Pater 
Lampros beide auf eine tiefe Weise hätte ändern 
und einen können, wie es durch die Mysterien ge- 
schieht. Wir teilten ihm auf einem Zettel die Lage 
der Dinge mit und sandten Erio eilig zum Kloster 
der Falcifera. 

Seitdem der Fürst und Braquemart bei uns er- 
schienen waren, fühlten wir uns beklommen, doch 
sahen wir die Dinge nun schärfer als bisher. Wir 
spürten, daß sie kulminierten, und daß wir würden 
schwimmen müssen, wie man im Strudel durch einen 
Engpaß schwimmt. Auch hielten wir es für an der 
Zeit, den Spiegel Nigromontans bereitzuhalten und 
wollten durch ihn das Licht entzünden, solange die 
Sonne noch günstig stand. Wir stiegen auf den Altan 
und flammten auf die vorgeschriebene Weise am 
Himmelsfeuer durch die kristallene Scheibe die 
Leuchte an. Mit hoher Freude sahen wir die 
blaue Flamme sich niedersenken und bargen Spie- 
gel und Leuchte in der Nische, in der die Laren 
stehn. 

Noch waren wir beschäftigt, uns wieder umzu- 
kleiden, als Erio mit der Antwort des Mönches wie- 
derkam. Er hatte den Pater im Gebet getroffen, 
der ihm sogleich, und ohne daß er unseren Zettel 
gelesen hätte, ein Schreiben übergab. So überreicht 
man Ordres, die seit langem versiegelt in Bereit- 
schaft sind. 



113 



Wir sahen, daß die Botschaft zum ersten Male mit 
Lampros unterzeichnet war; auch war das Wappen 
mit dem Spruche „meyn geduld hat ursach" ihr 
beigefügt. Zum ersten Male war auch von Pflanzen 
in ihr nicht die Rede, sondern der Pater bat mich in 
kurzen Worten, den Fürsten aufzusuchen und für 
ihn zu sorgen, auch fügte er hinzu, ich möchte nicht 
ohne Waffen gehen. 

Da galt es, eilig sich zu rüsten, und ich legte, mit 
Bruder Otho hastige Sätze wechselnd, den alten und 
langbewährten Jagdrock an, der jeder Dorne ge- 
wachsen war. Mit Waffen freilich war es in der 
Rauten-Klause schlecht bestellt. Nur über dem 
Kamin hing eine Flinte, wie man sich ihrer zur 
Entenjagd bedient, doch mit gekürztem Lauf. Wir 
hatten sie auf unseren Reisen hin und wieder benutzt, 
um auf Reptilien zu schießen, die harte Haut und 
zähes Leben vereinigen, und die ein grober Hagel 
weit sicherer als der beste Büchsenschuß erlegt. 
Wenn sie mein Auge streifte, rief die Erinnerung in 
mir die Moschus-Witterung hervor, wie sie im 
heißen Uferdickicht dem Jäger, der sich den Lan- 
dungsplätzen der großen Echsen nähert, entgegen- 
strömt. Für Stunden, in denen Land und Wasser in 
der Dämmerung verfließen, hatten wir auf den 
Lauf ein Silberkorn gesetzt. Dies war das einzige 
Gerät, das wir in unserem Hause Waffe nennen 
konnten; ich nahm es daher an mich, und Bruder 
Otho hing mir die große Ledertasche um, auf deren 



114- 



Klappe Schlingen für erlegte Vögel gesponnen waren, 
indes im Inneren ein aufgenähter Gurt Patronen 
hielt. 

So greifen wir in der Eile nach dem ersten, was 
sich uns bietet; auch hatte Pater Lampros mir die 
Waffe wohl mehr zum Zeichen der Freiheit und der 
Feindschaft vorgeschrieben — so wie man als Freund 
mit Blumen kommt. Der gute Degen, den ich bei 
den Purpur-Reitern führte, hing hoch im Norden im 
Vaterhaus; doch hätte ich ihn zu solchem Gange nie 
gewählt. Er hatte in heißen Reiterschlachten, wenn 
die Erde unter dem Hufschlag donnert und die 
Brust sich herrlich weitet, im Sonnenschein geblitzt. 
Ihn hatte ich gezückt im leichten, wiegenden An- 
galopp, bei dem die Waffen erst leise und dann 
immer stärker klirren, indes das Auge im feind- 
lichen Geschwader bereits den Gegner wählt. Auch 
hatte ich mich auf ihn verlassen in jenen Augen- 
blicken des Einzelkampfes, in denen man im Getüm- 
mel die weite Ebene durchsprengt und viele Sättel 
schon ledig sieht. Da gab es manchen Hieb, der auf 
das Stichblatt fränkischer Rappiere und auf den Bügel 
schottischer Säbel fiel — doch manchen auch, bei 
dem das Handgelenk den weichen Widerstand der 
Blöße fühlte, an der die Klinge ins Leben schnitt. 
Doch alle diese, und selbst die freien Söhne der 
Barbaren-Stämme, waren edle Männer, die ihre 
Brust fürs Vaterland dem Eisen boten; und gegen 
jeden hätten wir beim Gelage das Glas erheben 



115 



können, wie man es Brüdern tut. Die Tapferen dieser 
Erde machen im Streite die Grenzen der Freiheit aus; 
und Waffen, die man gegen solche zückte, die führt 
man gegen Schinder und Schinder-Knechte nicht. 
In Eile nahm ich von Bruder Otho Abschied und 
auch von Erio. Ich faßte es als gutes Zeichen, daß der 
Knabe mich dabei mit heiterer Sicherheit betrach- 
tete. Dann machte ich mich mit dem alten Hirten 
auf den Weg. 



22. 
Als wir den großen Weidehof erreichten, brach 
schon die Dämmerung herein. Von weitem er- 
kannten wir bereits, daß dort Unruhe herrschte; die 
Ställe leuchteten im Schein von Fackeln und dröhn- 
ten vom Gebrüll des Viehes, das hastig eingetrieben 
war. Wir trafen einen Teil der Hirten in Waffen und 
erfuhren, daß andere noch in entfernten Gründen 
der Campagna weilten, wo Vieh zu bergen war. Im 
Hof empfing uns Sombor, der erste Sohn des Alten, 
ein Riese mit rotem Vollbart und mit einer Geißel, 
an deren Riemen bleierne Kugeln hingen, in der 
Hand. Er meldete, daß um die Mittagsstunde in den 
Wäldern Unruhe aufgekommen war; man hatte 
Rauch aufsteigen sehen und Lärm gehört. Dann 
waren aus den Moor-Gebüschen entlang dem Filler- 
Horne Scharen von Feuer-Würmern und von Jägern 
hervorgetreten und hatten eine Herde abgetrieben, 



116 



die dort im Vorwerk lag. Zwar hatte Sombor ihnen 
noch im Moore einen Teil der Beute wieder abge- 
nommen, doch hatte er dabei auch Scharen von 
Förstern festgestellt, sodaß ein Unternehmen zu er- 
warten stand. Inzwischen hatten seine Späher auch 
an anderen Punkten, wie bei dem Vorgehölz des roten 
Stieres, und selbst in unserem Rücken, Streiftrupps 
und Einzelgänger ausgemacht. So hatte uns unser 
gutes Glück, noch eben ehe wir abgeschnitten wur- 
den, bis auf den Hof gebracht. 

Bei diesem Stand der Dinge konnte ich nicht er- 
warten, daß Belovar mich bei dem Vorstoß in die 
Wälder begleiten würde, und fand es billig, daß er 
sich um sein Gut und um die Seinen kümmerte. Da 
kannte ich jedoch den alten Streiter noch immer 
nicht gut genug, und nicht den Eifer, des er für 
Freunde fähig war. Sogleich verschwur er sich, daß 
Haus und Stall und Scheuern bis auf den Grund 
verbrennen sollten, ehe er mich an diesem Tage 
auch nur für einen Schritt alleine ließe, und übertrug 
dem Sohne Sombor die Sorge um den Hof. Bei die- 
sen Worten berührten die Weiber, die schon die 
Kostbarkeiten aus dem Hause schleppten, eilig 
Holz und drängten sich klagend an uns heran. Dann 
trat die Beste-Mutter auf uns zu und tastete uns 
mit den Händen von Kopf zu Füßen ab. An meiner 
rechten Schulter fanden die Finger Widerstand, doch 
glitten sie beim zweiten Male eben darüber hin. Als 
sie jedoch die Stirn des Sohnes berührte, faßte sie 



117 



ein Schrecken, und sie verhüllte ihr Gesicht. Da 
warf das junge Weibchen sich dem Alten an die 
Brust, mit schrillem Wehruf, wie man ihn bei der 
Totenklage hört. 

Dem Alten aber fehlte der Sinn für Weibertränen, 
wenn es ins Treffen ging, und wenn die erste Trun- 
kenheit des Kampfes ihm schon im Blute lag. Er 
schaffte sich mit beiden Armen Raum, so wie ein 
Schwimmer die Wogen teilt, und rief mit lauter 
Stimme Söhne und Knechte namentlich zum Kampf. 
Er wählte nur eine Streifschar aus, indes er alle 
anderen dem Sohne Sombor zur Sicherung des Ho- 
fes überließ. Doch suchte er nur solche aus, die in 
den Sippen-Kämpfen schon ihren Mann getötet hat- 
ten, und die er seine Hähnchen nannte, wenn er bei 
Laune war. Sie kamen mit Lederkollern und Leder- 
hauben und mit dem ungefügen Rüstzeug, wie man 
es in den Waffenkammern der Weidehöfe seit der 
Urväter Zeiten aufbewahrt. Da sah man im Fackel- 
scheine Hellebarden und Morgensterne und schwere 
Stangen, die scharfe Äxte und Sägespieße trugen, 
auch Piken, Mauerreißer und angeschliffene Haken 
mannigfacher Art. Damit gedachte der Alte das 
Waldgelichter auszuputzen und auszufegen nach 
Herzenslust. 

Dann stießen die Hunde-Knechte die Zwinger 
auf, in denen heulend schon die Meuten lärmten — 
die schlanken Hetzer und die schweren Beißer, mit 
hellem und dunkelem Geläut. Hechelnd und knur- 



118 



rend schössen sie hervor, den Hof erfüllend, an ihrer 
Spitze der schwere Leithund Leontodon. Er sprang 
an Belovar empor und setzte ihm winselnd die Pran- 
ken auf die Schultern, obwohl der Alte ein Riese 
war. Die Knechte ließen sie reichlich trinken und 
gössen ihnen aus einer Metzelschüssel zum Lecken 
Blut auf den Estrich aus. 

Die beiden Meuten waren des Alten Stolz, und 
sicher war es zum guten Teile ihnen zu verdanken, 
daß das Gelichter aus den Tannicht-Dörfern in 
diesen Jahren seinen Grund in weitem Bogen mied. 
Für seine leichte hatte er den schnellen Steppen- 
Windhund fortgezüchtet, mit dem der freie Araber 
sein Lager teilt und dessen Junge seine Frau aus 
ihren eigenen Brüsten trinken läßt. An diesen Wind- 
spiel-Körpern war jeder Muskelzug so sichtbar, als 
hätte ein Zergliederer sie abgewirkt, und die Be- 
wegung war in ihnen so übermächtig, daß sie noch 
in den Träumen ein stetes Zittern überlief. Es gab 
von allen Läufern dieser Erde nur den Geparden, 
der sie überflügeln konnte, und auch dieser nur auf 
kurzer Bahn. Sie jagten die Beute zu Paaren, indem 
sie die Bogen schnitten, und machten sie an den 
Schultern fest. Doch gab es auch Solo-Fänger, die 
ihr Opfer am Halse niederrissen und hielten, bis der 
Jäger kam. 

In seiner schweren Meute zog der Alte die Molosser 
Dogge, ein herrliches, lichtgelbes und schwarz ge- 
strömtes Tier. Die Unerschrockenheit, die dieser 



119 



Rasse zu eigen ist, wurde durch eingekreuztes Blut 
der Tibet-Dogge noch erhöht, die man in römischen 
Arenen gegen Auerochsen und Löwen kämpfen ließ. 
Der Einschlag zeigte sich durch die Größe, die stolze 
Haltung und die Rute, die nach Standarten-Art ge- 
tragen wurde, an. Fast alle diese Beißer trugen 
schwere Risse in den Decken — Denkzettel von 
Branten-Hieben auf der Bärenhatz. Der Großbär, 
wenn er auf die Weiden von Holze ging, mußte sich 
eng am Waldrand halten, denn wenn die Hetzer ihn 
erreichten und stellten, fleischten die Packer ihn zu 
Tode, noch ehe der Jäger Zeit ihn aufzuschärfen fand. 

Das war ein Wälzen und Knurren und Würgen im 
Innenhofe, und aus den roten Rachen funkelten uns 
die schrecklichen Gebisse an. Dazu das Sprühen 
der Fackeln, das Waffenklirren und die Klage der 
Weiber, die wie aufgescheuchte Tauben im Hofe 
flatterten. Das war ein Toben, wie es dem Alten 
Freude machte, der mit der Rechten wohlgefällig 
im Barte spielte, indes die Linke den breiten Dolch 
im roten Gürteltuche tanzen ließ. Auch trug er eine 
schwere Doppelaxt am Riemen um das Handgelenk. 

Dann stürzten die Knechte mit Lederstulpen, die 
bis an die Schultern reichten, sich auf die Hunde 
und koppelten sie mit Korallen-Riemen fest. So ging 
es mit verlöschten Fackeln aus dem Tore und über 
die letzten Marken den Wäldern zu. 

Der Mond war aufgegangen, und in seinem Scheine 
gab ich mich den Gedanken hin, die uns beschlei- 



120 



chen, wenn wir ins Ungewisse gehn. Erinnerungen 
herrlicher Morgenstunden stiegen in mir auf, in 
denen wir bei der Vorhut vor unseren Zügen ritten, 
und hinter uns in kühler Frühe der Chor der jungen 
Reiter klang. Da fühlten wir das Herz so festlich 
schlagen, und alle Schätze dieser Erde wären uns 
gering erschienen gegenüber der nahen Lust am 
scharfen und ehrenvollen Gang. Oh, welch ein 
Unterschied war zwischen jenen Stunden und dieser 
Nacht, in der ich Waffen, die den Krallen und Hör- 
nern von Ungeheuern glichen, im bleichen Lichte 
glitzern sah. Wir gingen in die Lemuren-Wälder 
ohne Menschenrecht und -Satzung, in denen kein 
Ruhm zu ernten war. Und ich empfand die Nichtig- 
keit von Glanz und Ehre, und große Bitterkeit. 

Doch war es mir ein Trost, daß ich nicht wie beim 
ersten Male, als ich Fortunio suchte, im Banne ma- 
gischer Abenteuer kam, sondern in guter Sache und 
berufen durch hohe Geistesmacht. Und ich be- 
schloß, mich nicht der Furcht anheimzugeben und 
nicht dem Übermut. 



23. 
Noch in der Nähe des Hofes teilten wir zum Vor- 
marsch ein. Wir schickten Späher aus und ließen 
ihnen die Hetzer-Koppeln folgen, während der 
Haupttrupp mit der schweren Meute den Zug be- 
schloß. Das Mondlicht war so hell geworden, daß 



121 



man in seinem Schein Geschriebenes lesen konnte; 
daher behielten, solange wir noch auf den Weide- 
gründen schritten, die einzelnen Abteilungen sich 
leicht in Sicht. Auch sahen wir zu unserer Linken 
wie schwarze Lanzen die drei hohen Pappeln und in 
der Front die dunkle Masse des Filler-Hornes, so- 
daß sich ohne Mühe die Richtung halten ließ. Wir 
schritten auf den Bogen zu, in dem die Sichel des 
Filler-Hornes dem hohen Holz entsprang. 

Ich hatte meinen Platz zur Seite des alten Blut- 
rächers bei der leichten Meute, und wir behielten 
von dort die Spitze im Gesicht. Als sie den Schilf- 
und Erlengürtel erreichte, der das Moor begrenzte, 
sahen wir sie stutzen, dann drang sie in eine Lücke 
ein. Kaum war sie unserem Blick entschwunden, 
da hörten wir ein böses, schwirrendes Schnappen 
wie von einem Eisen-Rachen und einen Todes- 
schrei. Die Späher stoben aus den Büschen aufs Feld 
zurück, indes wir eilig vorwärts strebten, um sie auf- 
zufangen und zu erfahren, was es gab. 

Wir fanden die Blöße, durch die die Späher ein- 
gedrungen waren, kniehoch mit Ginster und Heide- 
kraut bestellt. Sie glänzte im Mondlicht, und in ihrer 
Mitte bot sich den Blicken ein schlimmes Schauspiel 
dar. Gleich einem Wildbret sahen wir dort einen von 
den jungen Knechten im schweren Eisenbügel einer 
Falle aufgehängt. Die Füße berührten kaum den 
Boden, und Kopf und Arme hingen rücklings ins 
Kraut hinab. Wir eilten zu ihm und erkannten, daß 



122 



ihn ein Gimpelfänger gegriffen hatte — wie der 
Alte die schweren Teller-Eisen nannte, die er auf 
Menschen-Pfaden verborgen stellen ließ. Der scharfe 
Rand des Bügels hatte ihm die Brust zerschnitten, 
und ein Blick genügte, um zu erfassen, daß Rettung 
nicht möglich war. Doch spannten wir mit verein- 
ten Kräften die Feder, um den Leichnam aus der 
Umklammerung zu befreien. Wie fanden dabei, daß 
der Bügel nach Art der Haifisch-Kiefern mit spitzen 
Zähnen aus blauem Stahl bewaffnet war, und schlös- 
sen, nachdem wir den Toten auf die Heide gebettet 
hatten, den Rachen behutsam wieder zu. 

Es war wohl anzunehmen, daß Spürer die Falle 
überwachten, und wirklich hörten wir, als wir noch 
schweigend um das hingestreckte Opfer der niedern 
Waffe standen, ein Rauschen in den nahen Büschen 
und dann ein lautes, höhnisches Gelächter in der 
Nacht. Nun wurde es rege im Mooricht, wie wenn 
man Krähen am Schlafplatz stört. Es ging ein Bre- 
chen und Schleifen durch die Kiefernstücke und ein 
Rascheln entlang den dunklen Gräben, an denen 
der Alte die Entenhütten hielt. Zugleich ertönte das 
Moor von Pfiffen und wüsten Stimmen, als ob ein 
Rattenschwarm in ihm sein Wesen trieb. Wir hörten, 
wie das Gesindel sich ermutigte, so wie es im Schlamm 
der Gossen und der Bagnos sich erkühnt, wenn es 
der Mehrzahl sicher ist. Und in der Tat schien es in 
großer Übermacht, denn wir vernahmen die frechen 
Lieder der Schelmen-Zünfte nah und fern. So lärm- 



123 



ten dicht vor uns die von La Picousiere. Sie stapf- 
ten im Moor und quakten wie Wasserfrösche: 
„Catherine a le craque moisi, 
Des seins pendants, 
Des pieds de cochon, 
La faridondaine." 

Und aus dem hohen Besenginster, dem Schilficht 
und den Weidenbüschen schallte ihnen Antwort zu. 
In diesem Trubel sahen wir Irrlichter grünlich auf 
den Tümpeln tanzen, und Wasservögel streiften in 
scheuem Fluge ab. 

Inzwischen war auch der Haupttrupp mit der 
schweren Meute aufgelaufen, und wir bemerkten, 
daß vor diesem Spuk den Knechten das Zagen nahe 
kam. Da war es der alte Belovar, der seine Stimme 
mächtig erhob: 

„Drauf, Kinder, drauf! Die Lumpen wische halten 
nicht Stich. Doch nehmt euch vor den Fallen gut in 
acht!" 

Damit begann er, ohne sich umzublicken, vorzu- 
gehen, indem er die Schneiden der Doppelaxt im 
Mondlicht blinken ließ. Da folgten ihm auch die 
Knechte und brannten, auf die Fallensteller los- 
zugehen. Wir drückten in kleinen Rudeln durch Rohr 
und Busch und prüften, so gut es ging, den Grund. 
So suchten wir die Pässe zwischen Teichen, auf deren 
dunklen Spiegeln die Nixen-Rosen leuchteten, und 
schlichen durch dürres Schilf, von dessen schwarzen 
Kolben die Wolle blätterte. Bald hörten wir die 



124- 



Stimmen ganz nahe und spürten, wie das Sausen 
von Geschossen uns um die Schläfen strich. Nun 
mußten die Hunde-Knechte die Hetzer schärfen, 
daß ihr Fell sich sträubte und ihre Lichter funkelten 
wie Kohlenglut. Dann wurde ihnen Lauf gegeben 
und freudig winselnd schössen sie wie bleiche Pfeile 
durch das dunkele Gestrüpp. 

Der Alte hatte zu Recht vorhergesagt, daß das 
Gelichter uns nicht trotzen würde — kaum daß die 
Hunde angeschlagen hatten, hörten wir Klageschreie, 
die sich flüchtend im Busch verloren, und hinter 
ihnen das Geläut der Meute, die auf den Spuren 
zog. Wir eilten im Sturmschritt nach und sahen, daß 
jenseits des Gestrüpps ein kleines Torfmoor lag, auf 
dem der Boden eben wie eine Tenne war. Auf diese 
Fläche hatte das Gesindel sich geflüchtet und strebte 
im Lauf ums Leben dem nahen Hochwald zu. Ihn 
konnte indessen nur gewinnen, wer von den Hetzern 
unbehelligt blieb. Wir sahen viele, die von den Hun- 
den angefallen waren, und die sich stellen mußten — 
gleich bleichen Flammen im Reiche der Verdamm- 
ten umkreisten die Tiere sie und sprangen gierig an 
ihnen hoch. Auch waren hier und dort die Fliehen- 
den zu Fall gekommen und lagen am Boden wie 
gelähmt, denn knurrend hielten die Solo-Fänger sie 
am Hals. 

Nun koppelten die Knechte die schwere Meute 
los, und heulend stürmten die Bracken in die Nacht. 
Wir sahen, wie sie ihre Opfer im Ansprung fällten, 



125 



dann zerrten sie die Beute, die sie sich streitig mach- 
ten, am Boden hin und her. Die Knechte folgten 
ihnen und teilten den Fanghieb aus. Da gab es, wie 
im Inferno, nicht Barmherzigkeit. Sie beugten sich 
auf die Hingestreckten nieder und warfen den Hun- 
den ihr Jagdrecht zu. Dann schlössen sie mit großer 
Mühe die Bestien wieder an. 

So standen wir auf dem Moore wie auf dem Vorhof 
zum dunklen Tann. Der alte Belovar war guter 
Laune; er lobte Knechte und Hunde für ihr Werk 
und teilte Branntwein aus. Dann drängte er zu 
neuem Vorstoß, ehe der Wald durch das geflüchtete 
Gelichter in Aufruhr käme, und ließ mit Beilen eine 
Bresche in die schwere Hecke legen, die ihn randete. 
Wir waren nicht weit von jener Stelle, an der ich mit 
Bruder Otho, um das rote Waldvögelein zu suchen, 
eingedrungen war, und planten zunächst den Angriff 
auf Klöppels-Bleek. 

Bald war die Bresche breit wie ein Scheunentor. 
Wir steckten Fackeln an und traten wie durch einen 
dunklen Rachen in den Hochwald ein. 



24. 
Wie rote Säulen glänzten die Stämme im Feuer- 
schein; und senkrecht stieg der Rauch der 
Fackeln in feinen Fäden, die sich in großer Höhe zum 
Baldachin verwoben, in die unbewegte Luft. Wir 
schritten in breiter Ordnung, die sich durch die 



126 



gestürzten Stämme bald drängte und bald ausein- 
anderzog. Doch hielten wir uns durch die Fackeln 
gut in Sicht. Zur Sicherung der Fährte hatte der 
Alte Säcke voll Kreide mitgenommen, aus denen er 
unseren Marsch durch eine helle Spur bezeichnen 
ließ. So trug er Sorge, daß uns der Ausschlupf nicht 
verlorenging. 

Die Hunde zogen in Richtung auf Klöppels- 
Bleek, so wie sie immer der Ruch von Höllen und 
Schinder-Welten lockt. Durch ihre Führung ge- 
wannen wir schnell an Feld und kamen leise voran. 
Nur hin und wieder strich aus den Wipfel-Nestern 
mit schwerem Flügelschlag ein Vogel ab. Und lautlos 
kreisten Schwärme von Fledermäusen im Fackel- 
schein. 

Bald glaubte ich den Hügel an der Lichtung zu 
erkennen; er glänzte im matten Widerstrahle einer 
Feuersglut. Wir machten halt und hörten nun auch 
Stimmen herüberdringen, doch nicht so prahlend 
wie vorhin im Moor. Es schien, daß dort Abteilun- 
gen von Förstern die Wälder sicherten, und Belovar 
gedachte, mit ihnen auf die gleiche Weise aufzu- 
räumen wie mit dem Gaunervolk. Er zog die Hetzer 
vor und ließ sie wie zum Wettlauf in eine Linie 
stellen, dann sandte er sie wie leuchtende Geschosse 
in die Nacht. Indes sie hechelnd durch die Büsche 
fuhren, hörten wir drüben Pfiffe und dann ein Heu- 
len, als ob der wilde Jäger selbst erschienen wäre, 
der sie empfing. Sie waren auf die Bluthund-Meute 



127- 



aufgelaufen, die der Oberförster in seinen Zwingern 
hielt. 

Fortunio hatte mir über diese rüden Beißer und 
ihre Wut und Stärke einst Dinge, die an die Fabel 
streiften, mitgeteilt. In ihnen hatte der Oberförster 
die Cuba-Dogge fortgezüchtet, die rote Farbe und 
schwarze Maske trägt. Die Spanier hatten diese 
schwere Doggen vor Zeiten abgerichtet, Indianer zu 
zerreißen, und hatten sie in alle Länder ausgeführt, 
in denen es Sklaven und Sklaven-Halter gibt. Mit 
ihrer Hilfe hatte man auch die Schwarzen von Ja- 
maika, die ihren Aufstand mit der Waffe bereits ge- 
wonnen hatten, ins Joch zurückgeführt. Ihr An- 
blick wird als fürchterlich beschrieben, denn die 
Empörer, die das Eisen und das Feuer verachtet 
hatten, boten, kaum daß die Sklavenjäger mit den 
Koppeln gelandet waren, die Unterwerfung an. Das 
Leittier der roten Meute war Chiffon Rouge, dem 
Oberförster teuer, weil er in gerader Linie von dem 
Bluthund Becerillo stammte, dessen Name mit der 
Eroberung von Cuba so unheilvoll verbunden ist. 
Es wird berichtet, daß sein Herr, der Hauptmann 
Jago de Senazda, seinen Gästen zum Augenschmause 
gefangene Indianerinnen von ihm in Stücke reißen 
ließ. So kehren in der menschlichen Geschichte stets 
die Punkte wieder, an denen sie in reines Dämonen- 
Wesen abzugleiten droht. 

Bei diesen fürchterlichen Rufen erkannten wir, daß 
unsere leichte Meute, noch ehe wir Hilfe schicken 



128 



konnten, verloren war. Sie mußte um so schneller 
vernichtet werden, als sie aus reinem Blute stammte, 
das bis zum Tode kämpft, anstatt zurückzugehn. 
Wir hörten die roten Koppeln, nachdem sie an- 
geschlagen hatten, packen; und in dem Maße, 
in dem ihr Heulen lechzend in Fell und Fleisch 
verstummte, erstickte winselnd der helle Windspiel- 
Ruf. 

Der alte Belovar, der seine edlen Tiere im Nu ge- 
opfert sah, begann zu toben und zu maledeien, und 
durfte doch nicht wagen, ihnen noch die Molosser 
nachzuwerfen, denn diese blieben jetzt unsere 
stärkste Karte im Ungewissen Spiel. So rief er den 
Knechten zu, sich wohl zu rüsten, und diese rieben 
Brust und Lefzen der großen Tiere mit Bilsen- 
Branntwein ein und halsten ihnen zum Schutz die 
Stachelgurte um. Die anderen steckten zum Kampf 
die Fackeln an tote Äste auf. 

Das war im Nu geschehen, und schon, kaum daß 
wir wieder Stand gefaßt, brach wie ein Wetter die 
rote Meute über uns herein. Wir hörten sie durch die 
dunklen Büsche brechen; dann sprangen die Bestien 
in den Umkreis, auf dem der Fackelschein wie Koh- 
len-Schimmer lag. Die Spitze hielt Chiffon Rouge, 
um dessen Hals ein Fächer von scharfen Klingen 
funkelte. Er hielt den Kopf gesenkt und ließ die 
Zunge geifernd am Boden wehen; die Lichter blink- 
ten spähend von unten her. Von weitem sah man 
die gebleckten Reißer blenden, von denen das un- 



129 



tere Paar gleich Hauern die Lefzen überstand. Das 
Ungeheuer sprang trotz seiner Schwere in leichten 
Sätzen vor — in queren, tänzelnden Fluchten, als ob 
es im Übermaß der Kraft verschmähte, uns in ge- 
strecktem Laufe anzugehen. Und hinter ihm er- 
schien in schwarz und roter Zeichnung die Blut- 
hund-Meute im Fackelschein. 

Bei diesem Anblick erschollen Schreckens-Schreie, 
und Rufe nach den Molossern wurden laut. Ich sah 
den alten Belovar voll Sorge nach seinen Packern 
blicken, doch zogen die stolzen Tiere, die Augen 
scharf nach vorn gerichtet und die Ohren hoch auf- 
gestellt, in unerschrockener Haltung die Koppel an. 
Da lachte der Alte mir zu und gab das Zeichen, 
und wie von einer scharf gespannten Sehne ab- 
geschossen, flogen die gelben Doggen auf die roten 
zu. An ihrer Spitze stürzte sich Leontodon auf Chiffon 
Rouge. 

Nun gab es unter den Riesenstämmen im roten 
Lichte ein Heulen und Frohlocken, als ob das wilde 
Heer vorüberzöge, und heiße Mordgier breitete 
sich aus. In dunklen Massen wälzten und zerrten die 
Tiere sich am Boden, und andere, die einander hetz- 
ten, umfuhren unseren Stand in weitem Kreis. Wir 
suchten in das Gemetzel, dessen Tosen die Luft er- 
füllte, einzugreifen, doch war es schwierig, die roten 
Doggen mit Stichen und Schüssen zu erreichen, ohne 
auch die Molosser zu beschädigen. Nur dort, wo uns 
die Jagd gleich einer Ringelbahn umkreiste, gelang 



130 



es die Figuren getrennt aufs Korn zu bringen und 
krumm zu machen, wie man auf Flugwild schießt. 
Hier zeigte sich, daß ich mit meiner Waffe, ohne es 
zu ahnen, die beste Wahl getroffen hatte, die mög- 
lich war. Ich suchte abzukommen, wenn das Auge 
über dem Silber-Korne die schwarze Maske sah, 
und war dann sicher, daß sich das Tier im Feuer 
streckte, ohne noch einen Zuck zu tun. 

Aber auch drüben, auf der anderen Seite, sahen 
wir Schüsse blitzen und errieten, daß man dort die 
Molosser aus der Hetzbahn schoß. Auf diese Weise 
glich das Scharmützel einem Jagen, das sich ellipsen- 
förmig um zwei Feuerpunkte schloß, indes die große 
Meute auf der kurzen Achse im Kampfe lag. Die 
Bahn erhellte sich im Verlauf des Treffens durch 
Feuersäulen, denn wo die Fackeln zu Boden fielen, 
da flammte lohend das dürre Buschwerk auf. 

Bald zeigte sich, daß die Molosser dem Bluthund 
überlegen waren, zwar nicht an Stärke des Gebisses, 
wohl aber an Schwere und Angriffskraft. Doch wa- 
ren die roten Doggen in der Überzahl. Auch schien 
es, daß von drüben noch frische Koppeln in das 
Treiben geworfen wurden, denn es fiel uns immer 
schwerer, den Hunden beizustehn. Der Bluthund 
nämlich war sorgsam abgerichtet, den Menschen 
aufzusuchen, den der Oberförster als bestes Wild 
bezeichnete; und als die Anzahl der Molosser nicht 
mehr genügte, lenkte die Sorge für unsere Sicherheit 
die Blicke vom Jagen ab. Bald aus den dunklen 



131 



Büschen, bald aus dem Qualm der Feuerbrände 
schoß eins der roten Tiere auf uns zu, und Schreie 
kündeten es an. Da mußten wir eilig sorgen, daß es 
im Ansprang auf der Strecke blieb — doch wurde 
manches erst von den Spießen der Knechte auf- 
gefangen, und auf manches sauste die Doppelaxt des 
alten Belovar hernieder, wenn es schon lechzend 
auf dem Opfer lag. 

Schon sahen wir die ersten bösen Risse leuchten; 
auch schien es mir, als ob die Rufe der Knechte hef- 
tiger und aufgeregter würden — in solchen Lagen 
kündet ein Unterton wie leises Weinen, daß die Ver- 
zweiflung sich zu nähern droht. In diese Rufe 
mischte sich das Geheul der Meuten, das Knallen 
der Schüsse und das Geistern der Flammen ein. 
Auch hörten wir aus dem Tannicht ein mächtiges 
Gelächter schallen, ein röhrendes Joho, das uns 
verkündete, daß nun der Oberförster mit im Trei- 
ben war. In diesem Lachen erklang die fürchterliche 
Jovialität, die ihm zu eigen war; der Alte gehörte 
noch zu den großen Herren, die hoch frohlocken, 
wenn man ihnen trotzt. Auch war der Schrecken 
sein Element. 

In diesem Trubel begann mir heiß zu werden, und 
ich fühlte, daß die Erregung auf mich übersprang. 
Doch tauchte, wie schon oft in solchen Lagen, das 
Bildnis meines alten Waffenmeisters van Kerkhoven 
in meinem Geiste auf. Dieser, ein kleiner Flame mit 
rotem Barte, der mich im Fußdienst abgerichtet 



132 



hatte, pflegte oft zu sagen, daß ein gezielter Schuß 
zehn andere überwiege, die man zu hastig aus dem 
Laufe wirft. Auch prägte er mir ein, an jenen Punk- 
ten des Gefechtes, an denen der Schrecken sich 
verbreiten würde, den Zeigefinger gestreckt zu hal- 
ten und ruhig Luft zu schöpfen — denn jener sei am 
stärksten, der gut geatmet hat. 

Dieser Kerkhoven also tauchte vor mir auf— denn 
jede echte Lehre ist Geistes-Sache, und die Eben- 
bilder der guten Lehrer stehn uns im Drangsal bei. 
Und wie dereinst im Norden vor dem Scheiben- 
stande, setzte ich ab, um langsam durchzuatmen, 
und fühlte, wie sogleich der Blick sich klärte, und die 
Brust mir freier ward. 

Mißlich vor allem, als das Treffen sich zum Bösen 
wandte, war, daß der Qualm uns immer mehr das 
Schußfeld nahm. So wurden die Kämpfer vereinzelt, 
und die Dinge tauchten ins Ungewisse ein. Auch 
brachen die roten Doggen aus immer kürzerer 
Entfernung vor. So sah ich mehr als einmal Chif- 
fon Rouge an meinem Stand vorüberwechseln, doch 
suchte das kluge Ungeheuer, sowie ich in Anschlag 
gehen wollte, die Deckung auf. Da faßte mich die 
Jagdgier, und der Eifer, die Lieblings-Dogge des 
Oberförsters zu erlegen, verführte mich, ihr nach- 
zuspringen, als ich sie wieder im Qualm verschwin- 
den sah, der wie ein breiter Bach an mir vorüber- 
floß. 



133 



25. 
Im dichten Rauche glaubte ich hin und wieder 
das Untier schattenhaft zu sehen, doch stets zu 
flüchtig zum wohlgezielten Schuß. Auch narrten 
mich Trugbilder in den Wirbeln, sodaß ich endlich 
lauschend im Ungewissen stehen blieb. Da hörte ich 
ein Knistern, und mich packte der Gedanke, daß 
die Bestie einen Haken geschlagen haben könnte, 
um mich von hinten anzugehn. Um mich zu sichern, 
kniete ich mit vorgehaltener Flinte nieder und wählte 
zur Rücken-Deckung einen Dornenbusch. 

Wie sich in solchen Lagen unser Auge oft an geringe 
Dinge heftet, so sah ich an der Stelle, an der ich 
kniete, im toten Laub ein Kräutlein blühen und 
erkannte in ihm das rote Waldvögelein. Ich mußte 
mich also an dem Ort befinden, zu dem ich mit 
Bruder Otho vorgestoßen war, und damit dicht vor 
der Hügelspitze bei Köppels-Bleek. Und wirklich 
gelang es mir, mit wenig Schritten die kleine Kuppe 
zu erreichen, die sich wie eine Insel aus dem Rauch 
erhob. 

Von ihrem Rücken sah ich die Rodung bei Köp- 
pels-Bleek im matten Scheine leuchten, doch wurde 
zugleich mein Blick fern in die Wäldertiefe auf einen 
Feuerpunkt gelenkt. Dort sah ich winzig, und wie 
aus rotem Filigran gebildet, ein Schloß mit Zinnen 
und runden Türmen in Flammen stehen; und ich 
entsann mich, daß auf Fortunios Karte diese Stelle 
als „südliche Residenz" bezeichnet war. Die Feuers- 



134- 



brunst verriet mir, daß der Angriff des Fürsten und 
Braquemarts bis an die Stufen des Palastes gelangt 
sein mußte; und wie immer, wenn wir die Wirkung 
kühner Taten sehen, hob ein Gefühl der Freude mir 
die Brust. Zugleich indessen fiel mir das triumphie- 
rende Gelächter des Oberförsters ein, und eilig 
spähte mein Blick auf Köppels-Bleek. Dort sah ich 
Dinge, die mich erblassen ließen in ihrer Schänd- 
lichkeit. 

Die Feuer, die Köppels-Bleek erhellten, waren 
noch glühend, doch wie mit Silber-Kuppen von 
einer weißen Aschenschicht bedeckt. Ihr Schimmer 
fiel auf die Schinder-Hütte, die weit geöffnet stand, 
und färbte den Schädel, der am Giebel grinste, mit 
rotem Licht. Aus Spuren, die sowohl den Boden um 
die Feuerstätten als auch das Innere der üblen 
Höhle zeichneten, und die ich nicht schildern will, 
war zu erraten, daß die Lemuren hier eines ihrer 
schauerlichen Feste abgehalten hatten, dessen Nach- 
glanz noch auf dem Orte lag. Wir Menschen blicken 
mit angehaltnem Atem und wie durch Spalten auf 
solchen Spuk. 

Nur so viel sei verraten, daß mein Auge unter all 
den alten und längst entfleischten Köpfen auch zwei 
neue, an Stangen hoch aufgesteckte entdecken 
mußte — die Köpfe des Fürsten und Braquemarts. 
Sie blickten von ihren Eisenspitzen, an denen sich 
Haken krümmten, auf die Feuersgluten, die weiß 
verblätterten. Dem jungen Fürsten war nun das 



135 



Haar gebleicht, doch fand ich seine Züge noch edler 
und von jener höchsten, sublimen Schönheit, die nur 
das Leid erzeugt. 

Ich fühlte bei diesem Anblick die Tränen mir in 
die Augen schießen — doch jene Tränen, in wel- 
chen mit der Trauer uns herrlich die Begeisterung 
ergreift. Auf dieser bleichen Maske, von der die ab- 
geschundene Haut in Fetzen herunterhing, und die 
aus der Erhöhung am Marterpfahle auf die Feuer 
herniederblickte, spielte der Schatten eines Lächelns 
von höchster Süße und Heiterkeit, und ich erriet, 
wie von dem hohen Menschen an diesem Tage 
Schritt für Schritt die Schwäche abgefallen war — 
so wie die Lumpen von einem König, der als Bettler 
verkleidet ging. Da faßte mich ein Schauer im 
Innersten, denn ich begriff, daß dieser seiner frühen 
Ahnen und Bezwinger von Ungeheuern würdig 
war; er hatte den Drachen Furcht in seiner Brust er- 
legt. Da wurde mir, woran ich oft gezweifelt hatte, 
gewiß: es gab noch Edle unter uns, in deren Herzen 
die Kenntnis der großen Ordnung lebte und sich 
bestätigte. Und wie das hohe Beispiel uns zur Ge- 
folgschaft führt, so schwur ich vor diesem Haupt 
mir zu, in aller Zukunft lieber mit den Freien ein- 
sam zu fallen, als mit den Knechten im Triumph zu 
gehn. 

Die Züge von Braquemart dagegen sahen ganz un- 
verändert aus. Er blickte spöttisch und mit leisem Ekel 
von seiner Stange auf Köppels-Bleek und mit erzwun- 



136 



gener Ruhe wie jemand, der einen starken Krampf 
empfindet doch das Gesicht bewahrt. So wäre ich 
kaum erstaunt gewesen, in diesem Antlitz noch das 
Einglas wahrzunehmen, das er im Leben trug. Auch 
war sein Haar noch schwarz und glänzend, und ich 
erriet, daß er zur rechten Zeit die Pille eingenommen 
hatte, die jeder Mauretanier am Körper führt. Es ist 
dies eine Kapsel aus buntem Glase, die man zumeist 
im Ringe und in den Augenblicken der Bedrohung 
im Munde führt. In dieser Haltung genügt ein Biß, 
die Kapsel zu zermalmen, in die ein Gift von aus- 
gesuchter Wirkung eingeschlossen ist. Dies ist die 
Prozedur, die in der Mauretanier-Sprache als die 
Berufung an die dritte Instanz bezeichnet wird — 
entsprechend dem dritten Grade der Gewalt, und 
sie gehört zum Bilde, das man in diesem Orden von 
der Würde des Menschen hegt. Man hält die Würde 
durch den gefährdet, der niedere Gewalt erduldet; 
und man erwartet, daß jeder Mauretanier zu jeder 
Stunde zum tödlichen Appell gerüstet sei. Das also 
war das letzte Abenteuer von Braquemart. 

Ich sah das Bild in der Erstarrung, und ohne zu 
wissen, wie lange ich vor ihm weilte — wie außerhalb 
der Zeit. Zugleich verfiel ich in ein waches Träumen, 
in dem ich die Nähe der Gefahr vergaß. In solchem 
Stande gehen wir wie schlafend durch die Bedro- 
hung — zwar ohne Vorsicht, doch dem Geist der 
Dinge nah. So trat ich auf die Rodung von Köppels- 
Bleek, und wie im Rausche schienen die Dinge mir 



137 



deutlich, doch nicht außer mir. Sie waren mir wie 
im Kinderland vertraut, und rings die bleichen 
Schädel an den alten Bäumen sahen mich fragend 
an. Auch hörte ich Geschosse auf der Lichtung sin- 
gen — sowohl das schwere Schwirren der Armbrust- 
Bolzen, als auch den scharfen Büchsenschuß. Sie 
fuhren so nah vorüber, daß sich mir die Schläfen- 
Haare hoben, doch achtete ich ihrer nur wie einer 
tiefen Melodie, die mich begleitete und mir das 
Maß für meine Schritte gab. 

So kam ich im Schein der Silbergluten bis an die 
Schreckens-Stätte und bog die Stange, die das Haupt 
des Fürsten trug, zu mir herab. Mit beiden Händen 
hob ich es von der Eisenspitze und bettete es in die 
Ledertasche ein. Indem ich kniend dieses Werk ver- 
richtete, spürte ich an der Schulter einen harten 
Schlag. Es mußte mich eines der Geschosse getrof- 
fen haben, doch fühlte ich weder Schmerzen, noch 
sah ich Blut an meinem Lederrock. Nur hing der 
rechte Arm gelähmt herab. Wie aus dem Schlaf 
erwachend, blickte ich mich um und eilte mit der 
hohen Trophäe in den Wald zurück. Die Flinte 
hatte ich am Fundort des roten Waldvögeleins zu- 
rückgelassen, auch konnte sie mir nicht mehr dien- 
lich sein. So strebte ich sogleich dem Orte, an dem 
ich die Kämpfenden verlassen hatte, zu. 

Hier war es ganz still geworden, und auch die 
Fackeln leuchteten nicht mehr. Nur wo die Büsche 
gelodert hatten, lag noch ein Schimmer von roter 



138- 



Glut. In ihm erriet das Auge am dunklen Boden die 
Leichen vom Kämpfern und erlegte Hunde; sie 
waren verstümmelt und fürchterlich zerfleischt. In 
ihrer Mitte, am Stamme eines alten Eichbaums, 
lag Belovar. Ihm war der Kopf gespalten, und der 
Blutstrom hatte den weißen Bart gefärbt. Vom Blut 
gerötet waren auch die Doppelaxt an seiner Seite 
und der breite Dolch, den seine Rechte noch fest 
umschloß. Zu seinen Füßen streckte sich der treue 
Leontodon, mit ganz von Schüssen und Stichen zer- 
fetzter Haut, und leckte im Sterben ihm die Hand. 
Der Alte hatte gut gefochten, denn um ihn lag ein 
Kranz von Männern und Hunden hingemäht. So 
hatte er den angemessenen Tod gefunden, im vollen 
Trubel der Lebensjagd, wo rote Jäger rotes Wild- 
bret durch Wälder hetzen, in denen Tod und 
Wollust tief verflochten sind. Ich sah dem toten 
Freunde lange in die Augen und legte ihm mit der 
Linken eine Handvoll Erde auf die Brust. Die große 
Mutter, deren wilde, blutfrohe Feste er gefeiert 
hatte, ist solcher Söhne stolz. 



26. 
Um aus dem Dunkel des großen Waldes auf die 
Weidegründe zurückzufinden, brauchte ich nur 
der Spur zu folgen, die wir beim Kommen gezogen 
hatten, und sinnend schritt ich den weißen Pfad 
entlang. 



139 



Es schien mir seltsam, daß ich während des Ge- 
metzels mich bei den Toten befunden hatte, und ich 
faßte es als ein Sinnbild auf. Auch stand ich immer 
noch im Banne der Träumerei. Der Zustand war mir 
nicht völlig neu; ich hatte ihn auch früher an Abenden 
von Tagen erfahren, an denen der Tod mir nahe ge- 
wesen war. Wir treten dann mit der Geisteskraft ein 
wenig aus dem Körper aus und schreiten gleichsam als 
Begleiter neben unserem Ebenbilde her. Doch hatte 
ich die Lösung dieser feinen Fäden noch nie so stark 
empfunden wie hier im Wald. Indem ich träumend 
die weiße Spur verfolgte, erblickte ich die Welt im 
dunklen Schimmer des Ebenholzes, in dem sich elfen- 
beinerne Figürchen spiegelten. Auf diese Weise durch- 
querte ich auch das Moor am Filler-Horne und trat 
unweit der hohen Pappeln in die Campagna ein. 

Hier sah ich mit Schrecken, daß der Himmel von 
Feuersbrünsten unheilvoll erleuchtet war. Auch 
herrschte ein böses Treiben auf den Weidegründen, 
und Schatten eilten an mir vorbei. Es mochten 
Knechte, die dem Gemetzel entronnen waren, dar- 
unter sein; indessen vermied ich, sie anzurufen, denn 
viele schienen in trunkener Wut. Auch sah ich solche, 
die Feuerbrände schwangen, und hörte die Sprache 
der von La Picousiere. Von diesen strebten Scharen, 
die mit Beute beladen waren, schon wieder den Wäl- 
dern zu. Das Vorgehölz des roten Stieres war hell 
erleuchtet; dort mischten sich Weiberschreie in das 
Gelächter eines Triumph-Gelages ein. 



140 



Voll böser Ahnung eilte ich dem Weidehofe zu, 
und schon von weitem mußte ich erkennen, daß 
inzwischen auch Sombor mit den Seinen dem Wald- 
gelichter erlegen war. Die reiche Siedlung stand in 
hellen Flammen, die schon von Haus und Stall und 
Scheuer den Dachstuhl abgehoben hatten, und 
Feuerwürmer tanzten heulend um die Glut. Die 
Plünderung war schon in vollem Gange; sie hatten 
bereits die Betten aufgeschnitten und füllten sie 
wie Säcke mit Beute an. Auch sah ich Gruppen, die 
vom Gut der Vorrats-Häuser praßten, sie hatten von 
gefüllten Fässern die Deckel eingeschlagen und 
schöpften mit den Hüten ihren Trunk. 

Die Mörder waren im Taumel der Völlerei, und 
dieser Umstand war mir günstig, denn ich wandelte, 
fast wie im Schlafe, durch ihren Kreis. Vom Feuer, 
vom Mord und von der Trunkenheit geblendet, be- 
wegten sie sich wie Tiere, die man am Grund von 
trüben Tümpeln sieht. Sie streiften dicht an mir 
vorüber, und einer, der einen Filz voll Branntwein 
schleppte, hob ihn mit beiden Armen gegen mich 
empor, und trollte sich fluchend, als ich ihm den 
Willkomm weigerte. So schritt ich unangefochten 
durch sie hindurch, als ob mir die vis calcandi 
supra scorpiones zu eigen sei. 

Als ich die Trümmer des Weidehofes verlassen 
hatte, fiel mir ein Umstand auf, der meinen Schrecken 
noch steigerte. Es schien mir nämlich, als ob im Rük- 
ken die Glut der Feuersbrunst verblaßte — doch 



141 



weniger infolge der Entfernung, als vor einer neuen 
und grimmigeren Röte, die sich vor mir am Firmament 
erhob. Auch dieser Teil der Weidegründe war nicht 
ganz unbelebt. So sah ich versprengtes Vieh und 
Hirten auf der Flucht, und vor allem vernahm ich 
in der Ferne das Geläute der roten Meute, das sich 
zu nähern schien. Daher beeilte ich meine Schritte, 
obwohl mein Herz zugleich ein Bangen vor dem 
fürchterlichen Flammenringe spürte, dem ich ent- 
gegenging. Schon sah ich dunkel die Marmor- 
Klippen ragen, wie schwarze Riffe am Lava-Meer. 
Und während ich die Hunde im Rücken hörte, er- 
klomm ich hastig die schroffe Zinne, von deren 
Rande unser Auge so oft in hohem Rausche die 
Schönheit dieser Erde in sich eingetrunken hatte, 
die ich nun im Purpur-Mantel der Vernichtung sah. 
Nun war die Tiefe des Verderbens in hohen 
Flammen offenbar geworden, und weithin leuchte- 
ten die alten und schönen Städte am Rande der 
Marina im Untergange auf. Sie funkelten im Feuer 
gleich einer Kette von Rubinen, und kräuselnd 
wuchs aus den dunklen Tiefen der Gewässer ihr 
Spiegelbild empor. Es brannten auch die Dörfer 
und die Weiler im weiten Lande, und aus den stol- 
zen Schlössern und den Klöstern im Tale schlug 
hoch die Feuersbrunst empor. Die Flammen ragten 
wie goldene Palmen rauchlos in die unbewegte Luft, 
indes aus ihren Kronen ein Feuer-Regen fiel. Hoch 
über diesem Funken-Wirbel schwebten rot an- 



142 



gestrahlte Taubenschwärme und Reiher, die aus dem 
Schilfe aufgestiegen waren, in der Nacht. Sie kreisten, 
bis ihr Gefieder sich in Flammen hüllte, dann sanken 
sie wie brennende Lampione in die Feuersbrunst 
hinab. 

Als ob der Raum ganz luftleer wäre, drang nicht 
ein Laut herauf; das Schauspiel dehnte sich in 
fürchterlicher Stille aus. Ich hörte dort unten nicht 
die Kinder weinen und die Mütter klagen, auch 
nicht das Kampfgeschrei der Sippenbünde und das 
Brüllen des Viehes, das in den Ställen stand. Von 
allen Schrecken der Vernichtung stieg zu den Mar- 
mor-Klippen einzig der goldene Schimmer auf. So 
flammen ferne Welten zur Lust der Augen in der 
Schönheit des Unterganges auf. 

Auch hörte ich nicht den Schrei, der meinem 
Mund entstieg. Nur tief in meinem Inneren, als ob 
ich selbst in Flammen stünde, hörte ich das Knistern 
der Feuerwelt. Und nur dies feine Knistern konnte 
ich vernehmen, während die Paläste in Trümmer 
fielen und aus den Hafen-Speichern die Getreide- 
säcke hoch in die Lüfte stiegen, um glühend zu zer- 
sprühn. Auch flog, die Erde spaltend, der große 
Pulverturm am Hahnentore auf. Die schwere Glocke, 
die seit tausend Jahren den Beifried zierte, und deren 
Klänge Unzählige im Leben und im Sterben geleitet 
hatten, begann erst dunkel und dann immer heller 
aufzuglühen und stürzte endlich, den Turm zer- 
malmend, aus ihrem Lager ab. Auch sah ich die 



143 



Giebelfirste der Säulentempel in roten Strahlen 
leuchten, und von den hohen Sockeln neigten sich 
mit Schild und Speer die Götterbilder nieder und 
sanken lautlos in die Glut. 

Vor diesem Feuermeere faßte mich zum zweiten 
Male, und stärker noch, die Traumes-Starre an. Und 
wie wir in solchem Stande vieles zugleich durch- 
schauen, so hörte ich auch, wie die Meute und hinter 
ihr das Waldgelichter sich unablässig näherten. 
Schon hatten die Hunde fast den Klippenrand er- 
reicht, und ich vernahm in Pausen den tiefen An- 
schlag von Chiffon Rouge, den seine Meute heulend 
begleitete. Doch war ich in dieser Lage nicht fähig, 
nur den Fuß zu heben, und ich fühlte, wie mir der 
Schrei im Munde blieb. Erst als ich die Tiere bereits 
erblickte, gelang es mir, mich zu bewegen, doch blieb 
der Bann bestehn. So schien es mir, als ob ich sanft 
die Marmorklippen-Treppe hinunterschwebte; auch 
hob ich mich in leichtem Schwünge über die Hecke, 
die den Garten der Rauten-Klause friedete. Und 
hinter mir im dichtgedrängten Rudel hetzte polternd 
die wilde Jagd den schmalen Felsenpfad hinab. 



27. 
Im Sprunge war ich in dem weichen Boden der 
Lilien-Beete halb zu Fall gekommen, und mit 
Staunen sah ich, daß der Garten wundersam erleuch- 
tet war. Die Blumen und die Büsche strahlten im 



144- 



blauen Glänze, als wären sie auf Porzellan gemalt und 
dann durch Zauberspruch belebt. 

Oben im Küchen-Vorhof standen Lampusa und 
Erio, in den Anblick der Feuersbrunst vertieft. Auch 
Bruder Otho sah ich im festlichen Gewände auf 
dem Altan der Rauten-Klause; er lauschte in der 
Pachtung der Felsentreppe, auf der nun wie ein 
Gießbach das Waldgelichter mit den Hunden herun- 
terbrach. Schon huschte es an der Hecke wie ein 
Rattenschwarm, und Fäuste rüttelten am Garten- 
tor. Da sah ich Bruder Otho lächeln, indem er 
prüfend die bergkristallene Lampe, auf der ein 
blaues Flämmchen tanzte, vor die Augen hob. Er 
schien kaum wahrzunehmen, wie indessen unter den 
Streichen der Hundehetzer die Pforte barst und 
wie das dunkle Rudel frohlockend in die Lilien- 
Beete brach, an seiner Spitze Chiffon Rouge, um 
dessen Hals die Klingen funkelten. 

In dieser Not erhob ich meine Stimme, um Bruder 
Otho anzurufen, den ich noch immer wie lauschend 
auf dem Altane stehen sah. Doch schien er mich 
nicht zu hören, denn er wandte sich unbewegten 
Blickes und trat mit vorgestreckter Leuchte in das 
Herbarium ein. So hielt er sich als hoher Bruder — da 
er im Angesichte der Vernichtung dem Werke, dem 
wir unser Leben gewidmet hatten, die Weihe geben 
sollte, fehlte ihm das Auge für meine körperliche Not. 

So rief ich denn Lampusa an, die mit vom Feuer- 
schein erhellter Miene vor dem Eingang der Felsen- 



145 



küche stand, und sah sie flüchtig, mit gekreuzten 
Armen, indes ein grimmes Lächeln ihren Zahn ent- 
blößte, in das Gewimmel schaun. Da wußte ich, 
daß von dieser kein Mitleid zu erwarten stand. So- 
lange ich ihren Töchtern Kinder zeugte und mit 
dem Schwertarm die Feinde schlug, war ich will- 
kommen; doch war ihr jeder Sieger als Eidam gut, 
so wie sie jeden in der Schwäche verachtete. 

Da, als schon Chiffon Rouge im Ansprung stand, 
war es mein Erio, der mir zu Hilfe kam. Der Knabe 
hatte das Silber-Kesselchen ergriffen, das von der 
Schlangenspende noch im Vorhof stand. Er schlug 
es, nicht wie sonst mit seinem Birnholz-Löffel, son- 
dern mit einer erzenen Gabel an. So rief er aus dem 
Becken einen Ton hervor, der einem Lachen glich 
und Mensch und Tier erstarren ließ. Ich spürte, 
wie unter dem Fuß der Marmor-Klippen die Klüfte 
bebten, dann erfüllte ein feines Pfeifen hundertfach 
die Luft. Im blauen Glänze des Gartens brach ein 
helles Leuchten auf, und blitzend schössen die Lan- 
zen-Ottern aus ihren Schrunden vor. Sie glitten 
durch die Beete wie blanke Peitschen-Schnure, un- 
ter deren Schwünge ein Wirbel von Blütenblättern 
sich erhob. Dann stellten sie, am Boden einen gol- 
denen Kreis beschreibend, sich langsam bis zur 
Manneshöhe auf. So wiegten sie das Haupt in 
schweren Pendelschlägen, und ihre zum Angriff vor- 
gestellten Fänge blinkten tödlich wie Sonden aus 
gekrümmtem Glase auf. Zu diesem Tanze durch- 



146 



schnitt ein leises Zischen, als ob sich Stahl in Wasser 
kühlte, die Luft; auch stieg ein feines, hörnernes 
Klappern, wie von den Kastagnetten maurischer 
Tänzerinnen, von der Fassung der Beete auf. 

In diesem Reigen stand das Waldgelichter vor 
Schreck versteinert, und die Augen quollen ihm aus 
den Höhlen vor. Am höchsten war die Greifin auf- 
gerichtet; sie wiegte sich mit lichtem Schilde vor 
Chiffon Rouge und kreiste ihn wie spielend mit den 
Figuren ihrer Serpentinen ein. Das Untier folgte den 
Schwüngen ihrer tänzerischen Windung bebend 
und mit gesträubtem Fell — dann schien die Greifin 
es ganz leicht am Ohr zu streifen, und vom Todes- 
krampf geschüttelt, die Zunge sich zerbeißend, 
wälzte der Bluthund sich im Lilienflor. 

Das war das Zeichen für die Schar der Tänzerin- 
nen, die sich mit goldenen Ringen auf ihre Beute 
warf, so dicht verflochten, daß nur ein Schuppen- 
leib die Männer und die Hunde zu umwinden schien. 
Auch schien es nur ein Todesschrei, der diesem 
prallen Netz entstieg, und den die schnürend feine 
Kraft des Giftes sogleich erdrosselte. Dann löste sich 
die blinkende Verflechtung, und die Schlangen zo- 
gen in ruhiger Windung wieder in ihre Klüfte ein. 

Inmitten der Beete, die nun dunkle und vom Gift 
geblähte Kadaver deckten, hob ich den Blick zu 
Erio. Ich sah den Knaben mit Lampusa, die ihn 
stolz und zärtlich führte, in die Küche treten, und 
lächelnd winkte er zurück, indes das Felsentor sich 



147 



knarrend hinter ihnen schloß. Da spürte ich, daß 
das Blut mir leichter in den Adern kreiste, und daß 
der Bann, der mich ergriffen hatte, gewichen war. 
Auch konnte ich die Rechte wieder frei bewegen, 
und eilig trat ich, da mich um Bruder Otho bangte, 
in die Rauten-Klause ein. 



28. 
Als ich die Bibliothek durchschritt, fand ich die 
Bücher und die Pergamente in strenger Ord- 
nung, wie man sie schafft, wenn man auf eine lange 
Reise geht. Die runde Tafel in der Halle trug die 
Laren-Bilder — sie waren mit Blumen, Wein und 
Opferspeise wohl versehen. Auch dieser Raum war 
festlich hergerichtet und strahlend von den hohen 
Kerzen des Ritters Deodat erhellt. Ich fühlte mich 
in ihm so heimisch, als ich ihn feierlich gerüstet fand. 
Indem ich so sein Werk betrachtete, trat Bruder 
Otho oben aus dem Herbarium, dessen Türe er weit 
geöffnet ließ. Wir fielen uns in die Arme und teilten 
uns, wie einstmals in den Pausen des Gefechtes, un- 
sere Abenteuer mit. Als ich erzählte, wie ich den 
jungen Fürsten angetroffen hatte, und meine Beute 
aus der Ledertasche zog, sah ich Bruder Othos Ant- 
litz erstarren — dann, mit den Tränen, zog ein wun- 
dersames Leuchten in ihm auf. Wir wuschen mit 
dem Wein, der bei den Opferspeisen stand, das 
Haupt vom Blut und Todesschweiße rein, dann 



148 



betteten wir es in eine der großen Duft-Amphoren, 
in der die Blätter von weißen Lilien und Schiras- 
Rosen welkten, ein. 

Nun füllte Bruder Otho zwei Pokale mit dem alten 
Weine, die wir, nachdem wir die Libation vergossen 
hatten, leerten und dann am Sockel des Kamins 
zerschmetterten. So feierten wir Abschied von der 
Rauten-Klause, und mit Trauer verließen wir das 
Haus, das unserem Geistesleben und unserer Bruder- 
schaft zum warmen Kleide geworden war. Doch 
müssen wir ja von jeder Stätte weichen, die uns auf 
Erden Herberge gab. 

So eilten wir, unser Gut verlassend, durch die 
Gartenpforte dem Hafen zu. Ich hielt in beiden Ar- 
men die Amphore, und Bruder Otho hatte den 
Spiegel und die Leuchte an seiner Brust verwahrt. 
Als wir die Biegung erreichten, an welcher der Pfad 
sich in den Hügeln zum Kloster der Falcifera ver- 
liert, verweilten wir noch einmal und blickten auf 
unser Haus zurück. Wir sahen es im Schatten der 
Marmor-Klippen liegen, mit seinen weißen Mauern 
und dem breiten Schieferdache, auf dem sich matt 
der Schimmer der fernen Feuer spiegelte. Gleich 
dunklen Bändern zogen sich um die hellen Wände die 
Terrasse und der Altan. So baut man in den schönen 
Tälern, in denen unser Volk am Südhang wohnt. 

Indem wir so die Rauten-Klause betrachteten, er- 
hellten sich ihre Fenster, und aus dem Giebel fuhr 
eine Flamme bis zur Höhe des Marmorklippen- 



149 



Randes auf. Sie glich an Farbe dem Flämmchen auf 
der Leuchte Nigromontans — tief dunkelblau — , und 
ihre Krone war gleich dem Kelche der Enzian-Blüte 
ausgezackt. So sahen wir die Ernte vieler Arbeits-Jahre 
den Elementen zum Raube fallen, und mit dem Hause 
sank unser Werk in Staub. Doch dürfen wir auf dieser 
Erde nicht auf Vollendung rechnen, und glücklich ist 
der zu preisen, dessen Wille nicht allzu schmerzhaft 
in seinem Streben lebt. Es wird kein Haus gebaut, 
kein Plan geschaffen, in welchem nicht der Unter- 
gang als Grundstein steht, und nicht in unseren 
Werken ruht, was unvergänglich in uns lebt. Dies 
leuchtete uns in der Flamme ein, doch lag in ihrem 
Glänze auch Heiterkeit. So eilten wir mit frischen 
Kräften den Pfad entlang. Noch war es dunkel, doch 
aus den Rebenhügeln und Uferwiesen stieg schon 
die Kühlung des Morgens auf. Auch schien es dem 
Gemüt, als ob die Feuer am Firmament ein wenig 
von ihrer unheilvollen Kraft verlören; es mischte 
sich Morgenröte ein. 

Am Bergeshange sahen wir auch das Kloster der 
Maria Lunaris in Gluten eingehüllt. Die Flammen 
schlugen am Turm empor, sodaß das goldene Füll- 
horn glühte, das auf dem Knauf als Wetterfahne 
schwang. Das hohe Kirchenfenster an der Seite des 
Bild-Altares war schon zersprungen, und wir sahen 
im leeren Rahmen den Pater Lampros stehn. In 
seinem Rücken glomm es wie aus dem Feuer-Ofen, 
und wir eilten, um ihn zu rufen, bis an den Kloster- 



150 



graben vor. Er stand im Prunk-Ornate, und auf sei- 
nem Antlitz sahen wir ein unbekanntes Lächeln 
leuchten, als ob die Starre, die uns sonst an ihm er- 
schreckte, im Feuer dahingeschmolzen sei. Er schien 
zu lauschen, und doch hörte er unsere Rufe nicht. 
Da hob ich das Haupt des Fürsten aus der Duft- 
Amphore und streckte es mit der Rechten hoch em- 
por. Bei seinem Anblick faßte uns ein Schauer, denn 
die Feuchte des Weines hatte die Rosenblätter an- 
gezogen, sodaß es nun im dunklen Purpur-Prunke 
aufzuleuchten schien. 

Doch war es noch ein anderes Bild, das uns, als ich 
das Haupt erhob, ergriff — wir sahen im grünen 
Glänze die Rosette strahlen, die in noch unversehr- 
ter Rundung den Fensterbogen schloß, und ihre 
Bildung war uns wundersam vertraut. Uns schien, 
als hätte uns ihr Vorbild in jenem Wegerich ge- 
leuchtet, den Pater Lampros uns einst im Kloster- 
garten wies — nun offenbarte sich die verborgene 
Beziehung dieser Schau. 

Der Pater wandte, als ich ihm das Haupt ent- 
gegenstreckte, den Blick zu uns, und langsam, halb 
grüßend und halb deutend, wie bei der Consecratio, 
hob er die Hand, an welcher der große Karneol im 
Feuer glomm. Als hätte er mit dieser Geste ein Zei- 
chen von schrecklicher Gewalt gegeben, sahen wir 
die Rosette in goldenen Funken auseinander- 
sprühen, und mit dem Bogen stürzten wie ein Ge- 
birge Turm und Füllhorn auf ihn herab. 



151 



29. 
Das Hahnentor war eingefallen; wir bahnten uns 
über seine Trümmer einen Weg. Die Straßen 
waren von Mauer-Resten und Balkenwerk bedeckt; 
und rings im Brandschutt lagen Erschlagene ver- 
streut. Wir sahen finstere Bilder im kalten Rauch, und 
dennoch lebte eine neue Zuversicht in uns. So 
bringt der Morgen Rat; und schon die Wiederkehr 
des Lichtes nach dieser langen Nacht erschien uns 
wunderbar. 

In diesem Trümmerfelde erschienen die alten 
Händel so sinnlos wie Erinnerungen an einen 
schlechten Rausch. Nichts als das Unglück war zu- 
rückgeblieben, und die Kämpfer hatten Fahnen und 
Zeichen abgelegt. Noch sahen wir plünderndes Ge- 
lichter in den Seitengassen, doch zogen nun die 
Söldner in Doppel-Posten auf. Am Zwinger trafen 
wir Biedenhorn, der sie verteilte und sich ein großes 
Ansehn gab. Er stand in goldenem Kür aß auf dem 
Platze, doch ohne Helm, und rühmte sich, schon 
Tannen-Bäume aufgeputzt zu haben — das heißt, 
er hatte die Erstbesten ergreifen lassen und in die 
Ulmen am Walle aufgehängt. Nach martialischer 
Gewohnheit hatte er sich während der Tumulte 
gut verschanzt gehalten — nun, da die ganze Stadt 
in Scherben lag, trat er hervor und spielte den Wun- 
dermann. Im übrigen war er gut informiert, denn 
auf dem runden Turm des Zwingers wehte schon die 
Standarte des Oberförsters, der rote Eberkopf. 



152 



Es schien, daß Biedenhorn schon scharf getrunken 
hatte; wir trafen ihn in der grimmig guten Laune, 
die ihn zum Liebling seiner Söldner machte, an. 
Ganz unverhohlen lebte in ihm das Ergötzen, daß 
es den Schreibern, Versemachern und Philosophen 
der Marina nun ans Leder ging. Auch war ihm, wie 
der alte Bildungsduft, der Wein und seine Geistig- 
keit verhaßt. Er liebte die schweren Biere, die man 
in Britannien und den Niederlanden braut, und sah 
das Volk an der Marina als Schneckenfresser an. 
So war er ein wilder Stößer und Zecher und glaubte 
felsenfest, daß jeder Zweifel auf dieser Erde durch 
rechtes Einhaun zu entscheiden sei. Auf diese Weise 
besaß er Ähnlichkeit mit Braquemart — doch war 
er insofern viel gesünder, als er die Theorie ver- 
achtete. Wir schätzten ihn ob seiner Unbefangen- 
heit und seines guten Appetites, denn wenn er auch 
an der Marina fehl am Platze war, so darf man doch 
den Bock nicht tadeln, den man zum Gärtner macht. 

Zum Glück gehörte Biedenhorn zu denen, wel- 
chen der Frühtrunk die Erinnerung belebt. So 
brauchten wir ihn nicht an jene Stunde vor den 
Pässen zu gemahnen, in der er mit seinen Kürassie- 
ren ins Gedränge geraten war. Dort war er zu Fall 
gekommen, und wir sahen die freien Bauern von 
Alta Plana schon beschäftigt, ihm den Panzer auf- 
zumeißeln — so wie man beim Prunkmahl einem 
Hummer, den die Kunst des Koches vergoldete, 
die Schale bricht. Schon kitzelte der Fugenstecher 



153 



ihn am Halse, da schafften wir ihm und seinen Söld- 
nern mit den Purpur- Reitern wieder Luft. Dies war 
die Diversion, bei welcher der junge Ansgar uns in 
die Hand gefallen war. Auch kannte uns Bieden- 
horn aus unseren Mauretanier-Zeiten, und so kam 
es, daß er sich, als wir ihn um ein Schiff ersuchten, 
nicht lumpen ließ. Gilt doch die Stunde der Kata- 
strophe als die Stunde der Mauretanien Er stellte 
uns die Brigantine zur Verfügung, die er im Hafen 
hielt, und teilte uns zum Geleite eine Gruppe von 
Söldnern zu. 

Die Straßen, die zum Hafen führten, waren von 
Flüchtlingen erfüllt. Doch schien es, daß nicht alle 
die Stadt verlassen wollten, denn wir sahen aus den 
Ruinen der Tempel bereits den Rauch von Opfern 
steigen, und aus den Trümmern der Kirchen hörten 
wir Gesang. In der Kapelle der Sagrada Familia 
dicht am Hafen war die Orgel verschont geblieben, 
und mächtig führten ihre Klänge das Lied, das die 
Gemeinde sang: 

„Fürsten sind Menschen, vom Weib geboren, 
Und kehren um zu ihrem Staub; 
Ihre Anschläge sind auch verloren, 
Wenn nun das Grab nimmt seinen Raub. 
Weil denn kein Mensch uns helfen kann, 
Rufen wir Gott um Hülfe an." 

Am Hafen drängte sich das Volk, das mit den 
Resten seiner Habe beladen war. Doch waren die 



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Schiffe nach Burgund und Alta Plana schon über- 
füllt, und jeden der Segler, den die Knechte mit 
ihren Stangen vom Kai abstießen, verfolgte ein lau- 
tes Wehgeschrei. Inmitten dieses Elends schaukelte, 
wie unter Tabu, die Brigantine Biedenhorns an der 
Dückdalbe, die schwarz-rot-schwarz gezeichnet war. 
Sie glänzte in dunkelblauem Lack und kupfernen 
Beschlägen, und als ich Order zur Abfahrt gab, zo- 
gen die Knechte die Persenning von den roten Leder- 
polstern der Ruhebänke fort. Indes die Söldner mit 
ihren Piken die Menge in Achtung hielten, gelang es 
uns, noch Frauen und Kinder aufzunehmen, bis 
unser Deck kaum eine Handbreit über Wasser 
schwamm. Dann ruderten die Knechte uns aus dem 
Hafenbecken, das in die Mauer eingeschlossen war, 
und draußen erfaßte uns sogleich ein frischer Wind 
und trieb uns auf die Berge von Alta Plana zu. 

Noch lag das Wasser in der Morgenkühle, und 
die Wirbel zogen auf seinem Spiegel Schlieren wie 
auf grünem Glas. Doch schob sich schon die Sonne 
über die Zacken der Schnee-Gebirge vor, und 
blendend tauchten die Marmor-Klippen aus dem 
Dunste der Niederungen auf. Wir blickten auf sie 
zurück und ließen die Hände im Wasser streifen, 
das sich im Sonnenlichte ins Blaue wandte, als 
drängen Schatten in seine Tiefe ein. 

Auch hielten wir die Amphore in guter Hut. 
Noch kannten wir nicht das Schicksal dieses Hauptes, 
das wir mit uns führten, und das wir den Christen 



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überlieferten, als sie den großen Dom an der Ma- 
rina aus seinen Trümmern errichteten. Sie fügten 
es in seinem Grundstein ein. 

Doch vorher, im Pallas der Stammburg der Sun- 
myras, sprach Bruder Otho es im Eburnum an. 



30. 
Die Männer von Alta Plana waren an den Marken 
aufgezogen, als die Feuersbrunst den Himmel 
zeichnete. So kam es, daß wir den jungen Ansgar 
schon vor der Landung am Ufer sahen; und freudig 
winkte er uns zu. 

Wir rasteten ein wenig bei seinen Leuten, während 
er Boten zu seinem Vater sandte, dann stiegen wir 
langsam zum Talhof auf. Als wir die Pässe erreich- 
ten, verweilten wir an dem großen Heroon, und 
auch an manchem der kleinen Male, die dort auf 
dem Gefilde errichtet sind. Wir kamen dabei auch 
an die Enge, an der wir Biedenhorn mit seinen 
Söldnern herausgehauen hatten — an dieser Stelle 
reichte Ansgar uns von neuem die Hand und sagte, 
alles, was teilbar sei von seiner Habe, gehöre von 
nun an uns zur Hälfte mit. 

Am Mittag erblickten wir den Hof im alten Eichen- 
haine, der ihn umschloß. Als wir ihn sahen, wurde 
uns heimatlich zu Mute, denn wie bei uns im Nor- 
den fanden wir unter seinem tiefen Dache die 
Scheuern, Ställe und die Menschenwohnung, alles 



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in einem, wohl geschirmt. Auch gleißte vom breiten 
Giebel der Pferdekopf. Das Tor war weit geöffnet, 
und die Tenne blinkte im Sonnenschein. Über die 
Raufen schaute das Vieh in sie hinein, das heute an 
den Hörnern den goldenen Zierat trug. Die große 
Halle war feierlich gerichtet, und aus dem Kreise 
der Männer und der Frauen, die vor ihr harrten, 
trat zum Empfang der alte Ansgar auf uns zu. 

Da schritten wir durch die weit offenen Tore wie 
in den Frieden des Vaterhauses ein. 



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